ORF-Meteorologe zur Dürre

"Fast unvorstellbar! Sowas habe ich noch nie gesehen"

Anhaltende Trockenheit, niedrige Pegelstände und Ernteausfälle setzen Landwirtschaft und Umwelt stark unter Druck. Marcus Wadsak erklärt.
Newsdesk Heute
09.05.2026, 18:35
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Die anhaltende Trockenheit erreicht Rekordwerte. Selbst die (kurze) Regengüsse zwischendurch konnten bisher nicht einmal regional richtig Abhilfe schaffen. Nur die oberste Bodenschicht wurde etwas angefeuchtet, was von den Pflanzen sofort aufgesogen wird. "Dieser Regen ist für die Grundwasser-Neubildung bei Weitem zu wenig", stellt Thomas Hein, Gewässerforscher an der Boku Wien, gegenüber dem ORF fest.

Oberflächengewässer und auch der Grundwasser-Spiegel sind durch den niederschlagsarmen Winter und Frühling schon enorm in Mitleidenschaft gezogen worden. Drei Viertel der heimischen Flüsse führen schon Niedrigwasser. Erschütternd sichtbar wird das auch in den Donauauen. Der Pegelstand in der Unteren Lobau liegt bereits tiefer als das Ende der altgedienten Messlatte, viele Nebenarme sind staubtrocken.

Der März und April waren so trocken wie noch nie seit Beginn der Messungen – und dank des menschenverursachten Klimawandels drohen Österreich solche Extremphasen immer öfter. Das Problem ist aber weit größer als unsere Alpenrepublik. Von Mitteleuropa bis ins Baltikum weist der europäische Dürremonitor flächendeckende Trockenheit auf.

"Es ist zu wenig Niederschlag auf der einen Seite und höhere Temperaturen, die zu einer größeren Trockenheit im Boden führen", sagt Martin Schönhart von der Bundesanstalt für Agrarwirtschaft und Bergbauernfragen. Das ist fatal für unsere Bauern: Es trifft ihre Felder genau dann, wenn sich ihre Jungpflanzen entwickeln sollen. Der Frühling und Frühsommer sind die wichtigsten Wachstumsphasen.

Davon betroffen seien auch für ganz Europa wichtige Getreide-Anbaugebiete, sagt der Experte: "Auf regionaler Ebene, und das betrifft Österreich, ist mit Ertragseinbußen zu rechnen."

"Landwirtschaft steht vor Totalausfällen"

Die Landwirtschaft stehe vor Totalausfällen, warnte auch ORF-Meteorologe Marcus Wadsak bereits am Mittwoch. Weil es in den Nächten nicht mehr ausreichend abkühle, fehle die Taubildung – und den Pflanzen damit wichtiges Wasser.

Die derzeitigen Temperaturen, gerade im Osten Österreichs, seien außergewöhnlich, betont er.. Selbst die 30-Grad-Marke wurde in dieser Woche beinahe (29,7 °C) erreicht. "Früher gab es solche Temperaturen meistens erst im Juni. Wir sind extrem früh dran", sagte er auf ORF III.

Durch den Klimawandel verschiebt sich auch statistisch der erste 30er des Jahres immer mehr in Richtung Frühling. "Die hohen Temperaturen kommen einfach früher und bleiben auch länger. Was wir jetzt erleben, ist für Mai schon eine kleine Hitzewelle. Das macht uns zu schaffen, zusätzlich zu Trockenheit. Das ist alles schon ausgesprochen unüblich."

Das alles sind die Zutaten für einen dramatischen Teufelskreis. Die Bauern müssen ihre Felder zusätzlich bewässern, das lässt den Grundwasser-Spiegel noch mehr sinken, was dann in weiterer Folge etwa die Lobau austrocknen lässt. Doch diese ist nur ein Schauplatz von vielen.

"Unser Wetter wird extremer"

Der Ausweg? "Was wir brauchen – und wir haben diesen Begriff schon fast wieder vergessen – ist Landregen: ein, zwei Tage langes, sanftes Durchregnen. Das wäre, was die Landwirtschaft wirklich braucht", sagt Wadsak. Die aktuell zu beobachtenden Schauer und Gewitter helfen nichts: "Das Wasser rinnt entweder sofort ab, weil der Boden es gar nicht aufnehmen kann. Oder – und das ist noch mehr zu befürchten – es wird das, was jetzt halbwegs noch gedeiht, durch Hagel beschädigt."

Der Meteorologe weiß: "Da steckt sehr viel Klimawandel drin. Wir haben eine wärmere Atmosphäre und das heißt, unser Wetter wird extremer. Und das leider in allen Bereichen. Für manche Menschen ist das sehr schwer zu verstehen, dass sowohl die Trockenheit, die Dürre, die Waldbrände, die hohen Temperaturen, aber auch diese lokalen Starkregen-Ereignisse alle auf eine wärmere Atmosphäre zurückzuführen sind."

Ein Blick in die historischen Aufzeichnungen eröffnet ein dramatisches Bild: "Es hat früher sehr viel mehr Niederschlag gegeben." Selbst im allertrockensten Frühling in der 250-jährigen Wettergeschichte habe es mehr geregnet als jetzt. "Was damals extrem war, haben wir jetzt noch einmal 50 Prozent weniger. Das ist fast unvorstellbar. Ich bin 30 Jahre in der Meteorologie tätig, aber sowas habe ich noch nicht gesehen und noch nie erlebt in Österreich."

{title && {title} } red, {title && {title} } Akt. 09.05.2026, 18:49, 09.05.2026, 18:35
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