Kettenreaktion im Rekordtempo

Satellitenbilder enthüllen etwas, das in Angst versetzt

In nur 15 Monaten verlor der Hektoria-Gletscher in der Antarktis 25 Kilometer Länge – Forscher schlagen Alarm.
Newsdesk Heute
09.05.2026, 15:21
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Was sich am Hektoria-Gletscher in der Antarktis abgespielt hat, sorgt selbst unter erfahrenen Klimaforschern für Staunen. Innerhalb von nur 15 Monaten zog sich der riesige Eisstrom um rund 25 Kilometer zurück. Besonders dramatisch: In nur zwei Monaten verlor der Gletscher mehr als acht Kilometer – laut Wissenschaftlern die schnellste jemals beobachtete Schrumpfung von fest verankertem Gletschereis in der modernen Geschichte.

Der Hektoria-Gletscher liegt auf der Antarktischen Halbinsel. Wie viele Eisriesen dort beginnt er an Land und schiebt sich bis ins Meer hinaus. Sein Ende bestand aus einer gewaltigen schwimmenden Eisplatte, einer sogenannten "Eiszunge". Genau diese brach zuerst auseinander. Danach kollabierte auch ein großer Bereich des fest am Boden liegenden Eises.

Forscher analysierten die Katastrophe mit Satellitenbildern und Fernerkundungsdaten. Dabei zeigte sich: Die besondere Form des Gletschers machte den rasanten Zerfall überhaupt erst möglich.

Die Geschichte des Zusammenbruchs begann allerdings schon vor mehr als 20 Jahren. 2002 zerbrach der Larsen-B-Eisschelf, der den Hektoria-Gletscher wie eine natürliche Barriere stabilisierte. Danach begann der Eisstrom langsam dünner zu werden und sich zurückzuziehen.

Ab 2011 sorgte festgefrorenes Meereis zunächst wieder für Stabilität. Doch im Jänner 2022 änderte sich alles schlagartig. Gewaltige Meereswellen dürften das schützende Eis zerstört haben. Danach setzte eine Kettenreaktion ein: Während des antarktischen Sommers brachen riesige Eisstücke ab, insgesamt verlor der Gletscher damals bereits 16 Kilometer.

Doch selbst danach war die Gefahr noch nicht vorbei. Satellitenmessungen der NASA-Mission ICESat-2 zeigten, dass das Eis auch während des Winters weiter dünner wurde. Unter dem Gletscher registrierten Forscher sogar kleine Erdbeben. Sie entdeckten dabei eine flache Felslandschaft unter dem Eis – eine Art Eis-Ebene.

Genau diese Geometrie wurde dem Gletscher zum Verhängnis. Bei Flut konnte Meerwasser unter das Eis eindringen und große Bereiche anheben. Sobald das Eis dünn genug war, brachen gewaltige Teile gleichzeitig weg. Forscher sprechen von "buoyancy-driven calving", also einem durch Auftrieb ausgelösten Zerbrechen.

Die leitende Wissenschafterin Naomi Ochwat von der Universität Innsbruck untersucht inzwischen weitere Gletscher mit ähnlichen Risiken. Viele Eisströme auf der Antarktischen Halbinsel verlieren derzeit ihre schwimmenden Eiszungen und liegen direkt auf dem Meeresboden auf. Solche sogenannten Gezeitengletscher kennt man bisher vor allem aus Alaska und Grönland.

Fjord statt Gletscher

Neue Satelliten sollen nun helfen, solche dramatischen Veränderungen besser zu verstehen. Besonders große Hoffnungen setzen Forscher auf die NASA-Satelliten NISAR und SWOT. Diese können Bewegungen von Eisflächen und Wasserhöhen bis ins Detail messen. "Die Daten werden für die strukturelle Untersuchung des Hektoria-Gletschers und anderer Gletscher in der Region sehr nützlich sein", sagte Co-Autor Ted Scambos von der University of Colorado Boulder.

Trotz der dramatischen Entwicklung glauben Experten, dass die schlimmste Phase am Hektoria-Gletscher vorbei sein könnte. Das ist aber kein Grund zur Freude: "Der Gletscher hat so viel an Höhe und Masse verloren, dass er einfach nicht mehr die gleiche Ausgabemenge aufrechterhalten kann", sagte Scambos. "Er ist auf dem besten Weg, ein Fjord zu werden."

{title && {title} } red, {title && {title} } 09.05.2026, 15:21
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