Die Gletscher gelten als Frühwarnsystem der Erde – und sie schlagen längst laut Alarm! Die Gletscherschmelze hat sich auch im hydrologischen Jahr 2025 auf extrem hohem Niveau fortgesetzt. Weltweit gingen abseits der großen Eisschilde Grönlands und der Antarktis rund 408 (± 132) Gigatonnen Eis verloren. Das ließ den Meeresspiegel allein in einem Jahr um etwa 1,1 (± 0,4) Millimeter steigen.
Das ist das Ergebnis einer großen internationalen Analyse. Deren jüngsten Ergebnisse wurden im Fachjournal Nature Reviews Earth & Environment veröffentlicht, werden auch im Ende April folgenden European State of the Climate Report 2025 nachzulesen sein.
„Der jährliche Massenverlust der Gletscher im Jahr 2025 hätte in jeder einzelnen Sekunde des Jahres fünf olympische Schwimmbecken gefüllt.“Michael ZempDirektor des World Glacier Monitoring Service (WGMS)
Besonders brisant: Der Verlust hat sich in den letzten Jahrzehnten massiv beschleunigt. Während zwischen 1976 und 1995 weniger als 100 Gigatonnen pro Jahr dahinschmolzen, liegt der Schnitt seit 2016 bei rund 390 Gigatonnen. Die sechs schlimmsten Jahre wurden allesamt seit 2018 gemessen.
Michael Zemp, Direktor des World Glacier Monitoring Service (WGMS) und Hauptautor der Studie, liefert dazu ein eindrucksvolles Bild: Der Eisverlust des Jahres 2025 entspricht fünf olympischen Schwimmbecken – pro Sekunde, das ganze Jahr lang.
Weltweit wird jährlich an rund 150 Gletschern die Massenänderung direkt gemessen; diese Daten dienen als Referenz für globale Modelle. Auch Österreich spielt eine wichtige Rolle in der Forschung. Die GeoSphere Austria liefert Daten zu vier Referenzgletschern in den Alpen, darunter die Pasterze am Großglockner, und am Freya-Gletscher im Nordosten Grönlands.
Letzterer nimmt in dem globalen Programm eine besonders wichtige Rolle ein, da es in den abgelegenen Regionen nur sehr wenige regelmäßige Messungen gibt. In ganz Grönland werden nur fünf Gletscher beobachtet, in den Alpen sind es mehr als 40.
GeoSphere-Gletscherexperte Anton Neureiter verdeutlicht das Skalenproblem der Gletscherschmelze: "Während die Pasterze in den Alpen im Jahr 2025 über eineinhalb Meter an Eisdicke verlor, büßte der Freya-Gletscher in der kälteren Arktis nur etwa einen halben Meter ein." Entscheidens für den Meeresspiegel sei jedoch die Fläche: "Aufgrund ihrer enormen Ausdehnung transportieren die arktischen Gletscher trotz langsamerer Schmelzrate weitaus größere Wasservolumina in die Ozeane als die kleinen alpinen Eisflächen."
Die flächenspezifische Schmelzrate war demnach im vergangenen Jahr in Westkanada und den USA, in Island sowie in Mitteleuropa am stärksten ausgeprägt. Die mengenmäßig größten regionalen Beiträge zum globalen Massenverlust stammten 2025 jedoch aus den großflächig vergletscherten Gebieten Hochasiens, Alaskas und der russischen Arktis.
In der Klimaforschung wird zwischen den Gebirgsgletschern und den zwei massiven Eisschilden in Grönland und der Antarktis unterschieden:
Gebirgsgletscher: Sie gelten als "Frühwarnsysteme" und reagieren unmittelbar auf klimatische Änderungen. Ihr verbleibendes Schmelzpotenzial liegt bei etwa 32 bis 41 cm Meeresspiegeläquivalent. Die Messung erfolgt meist durch nationale Programme mit Expertenteams vor Ort.
Eisschilde: Die "Schlafende Riesen", die besser nicht geweckt werden sollten. Die Überwachung erfolgt primär durch internationale Satellitenmissionen und komplexe Modellierungen. 2025 haben die Eisschilde Grönlands und der Antarktis rund 250 Gigatonnen an Masse verloren. "Der Trend ist hier insbesondere in Grönland und der Westantarktis deutlich steigend", betont die GeoSphere. Ein vollständiges Abschmelzen entspräche einem Meeresspiegelanstieg von über 65 Metern. Das wäre eine Katastrophe für alle Küstenregionen der Welt.