Im kommenden Schuljahr startet das Chancenbonus-Programm für Brennpunktschulen in ganz Österreich. An 244 Volksschulen und 156 Mittelschulen sollen dadurch mehr Lehrer, Sozialarbeiter, Psychologen und andere Fachleute in geplantem Umfang von 800 Vollzeitäquivalenten zum Einsatz kommen. Die meisten der Standorte befinden sich in Wien, Oberösterreich und der Steiermark.
Der Hintergrund: Unser Bildungssystem verstärkt derzeit die soziale Ungerechtigkeit, anstatt sie auszugleichen. Zwischen Schülern an Schulen mit schlechtester sozioökonomischer Ausgangslage und jenen mit der besten Ausgangslage sind die Lernunterschiede "massiv", bestätigt auch Bildungsminister Christoph Wiederkehr (35, NEOS) am Montag im Ö1-Morgenjournal".
In Deutsch hinken nach vier Jahren Volksschule die Schlechtesten den besten um bis zu 22 Monate hinterher. Und das bei Zehnjährigen. "Das ist gewaltig und muss reduziert werden, damit alle Kinder in Österreich gute Bildungschancen bekommen", erklärt Wiederkehr sein Ziel.
Sein Chancenbonus soll genau dort ansetzen. Schulen, die besondere Herausforderungen haben, werden mehr gefördert. Damit sollen die Kinder zum Beispiel dort bessere und intensivere Deutschförderung erhalten. Wiederkehr erhofft sich dadurch, die Kluft zu minimieren. Wie schnell? "Maßnahmen im Bildungsbereich sind immer mittelfristig."
Für den NEOS-Politiker soll der Chancenbonus auch gleichzeitig eine Auszeichnung für die betroffenen Schulen sein und sie wieder attraktiver machen. Die Häuser könnten dann eben genau damit werben, dass dort mehr und individueller auf die Kinder eingegangen werden kann. "Dort gibt es mehr Ressourcen, zum Beispiel auch am Standort selber einen Sozialpädagogen, einen Psychologen. Diese Schulen können darstellen, dass sie Besonderes für die Schülerinnen und Schüler leisten können."
Betrifft das nicht nur Kinder mit größeren Problemen? Könnten dann nicht die Eltern anderer Kinder genau diese Schulen meiden? Wiederkehr konstatiert: "Das ist schon jetzt so. Da darf man nicht so naiv sein." Die Eltern seien besser informiert als oft angenommen und wüssten, wie die Zusammensetzung an den Schulstandorten sei.
"Es gibt aber auch Eltern, die wollen bewusst ihr Kind auch an die nächste Schule ums Eck geben, auch wenn dort die Durchmischung nicht besonders gut ist. Insbesondere dann, wenn es zusätzliche Förderungen gibt – und das ist der Chancenbonus. Dieser schafft eine Trendwende an diesen Schulen", sagt der Bildungsminister und verweist dabei auf internationale Erfolgsbeispiele wie in London.
Fehlt es an Deutschlehrern? Ja, der Bedarf sei in den vergangenen Jahren "massiv gestiegen", gibt der pinke Politiker zu. Deswegen habe sein Ressort das Angebot an Fort- und Weiterbildungen in diesem Bereich deutlich erhöht – auch als Vorbereitung auf die Sommerschule. "Für Kinder, die nicht ausreichend Deutsch können, wird es extra Online-Angebote für Lehrkräfte geben, um sich in diesem Bereich weiterzubilden. Hier auch mein Aufruf, sich an diesen Formaten und Weiterbildungen zu beteiligen, um so noch bessere Deutschförderung durchführen zu können."
Aus für Latein-Unterricht, trotz großer Kritik? Ja! Wiederkehr bleibt dabei: "Ich halte das für wichtig, um Platz zu machen für neuer Themen. Für informatische Fähigkeiten, für Demokratiebildung, für Medienbildung. Wir brauchen diesen Platz an den Schulen. Immer nur was dazugeben, das geht sich nicht mehr aus."
"Größer als die Kritik war der Zuspruch. Aber ja, bei großen Veränderungen gibt es auch Kritik, die ist ernstzunehmen", hält der 35-Jährige fest. Er habe deshalb intensive Gespräche mit den verschiedensten Kritikern und den Schulpartnern. "Denn es geht um die Schülerinnen und Schüler, es geht um die Eltern und auch um die Lehrkräfte, damit die eine gute Bildung für die Zukunft bekommen."