Die Nachrichten stammen aus den Jahren 2022 bis 2024 und wurden dem Sender Radio Free Europe/Radio Liberty zugespielt. Wie 20 Minuten berichtet, zeigen die Chats, wie russische Offiziere sich über Folter und Verstümmelungen lustig machen – als wäre es ein harmloser Scherz.
Oberst Roman Demurtschiyev, damals Kommandant der 42. Garde-Motorschützendivision, prahlt in den Chats damit, dass seine Soldaten einen ukrainischen Stützpunkt gestürmt und vier Kriegsgefangene genommen haben.
In einer Nachricht an seine Frau Aleksandra schickt er ein Foto: mehrere menschliche Ohren, schwarz verfärbt, hängen an einem Metallrohr. "Was macht ihr danach mit ihnen?", fragt Aleksandra. "Ich mache eine Girlande daraus und verschenke sie", antwortet Demurtschiyev, der später zum Generalmajor befördert wurde. "Wie Schweineohren zum Bier", schreibt sie. "Ja", kommt prompt zurück.
Seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine häufen sich die Hinweise auf schwere Kriegsverbrechen durch russische Soldaten. Besonders berüchtigt ist die Stadt Butscha nördlich von Kiew, die über einen Monat von russischen Truppen besetzt war.
Nach dem Abzug der Russen fanden die Bewohner Dutzende Leichen – meist Zivilisten, viele offenbar gefoltert oder hingerichtet. Tote lagen auf den Straßen oder waren in Kellern gestapelt. Mithilfe von Militärunterlagen und Social Media konnte Radio Free Europe/Radio Liberty mehrere Mitglieder des 234. Pskower Regiments identifizieren, das direkt an den Tötungen beteiligt gewesen sein soll.
Die verstörenden Chatnachrichten drehen sich immer wieder um Verstümmelungen. Demurtschiyev schreibt etwa an Generalmajor Igor Timofejew, den ersten Stellvertreter des Kommandanten der 36. Armee.
"Habt ihr die Ohren nicht angefasst? Wie damals, als wir Kinder waren?", fragt Timofejew. Worauf er genau anspielt, bleibt offen. Beide kämpften in den 2000ern im Tschetschenienkrieg. Aleksandra schreibt in einem anderen Chat über das Ohren-Foto: "Ich dachte, das wären Geschichten aus Tschetschenien-Zeiten. Es stellt sich heraus, dass es wahr ist."
Schon im Tschetschenienkrieg wurden russische Soldaten beschuldigt, Gefangenen Ohren abgeschnitten zu haben. Menschenrechtsorganisationen dokumentierten in den 1990er- und 2000er-Jahren zahlreiche Fälle von Verstümmelungen durch russische Soldaten – darunter auch abgeschnittene Finger, Ohren und sogar Skalpierungen.
Auch im Jahr 2024 tauchen neue Belege für diese Grausamkeiten auf. Demurtschiyev erwähnt das Abschneiden von Ohren erneut in einer Sprachnachricht an einen Kontakt namens Waleri Nepop, vermutlich ein FSB-Offizier.
"Verdammt, und du schneidest sogar Ohren ab. Aber in unserem Alter machen wir das nicht mehr; wir geben nur noch die Befehle", sagt Demurtschiyev.
Die geleakten Materialien zeigen immer wieder einen sadistischen Humor unter den Offizieren. In einem Video von Dezember 2023 sieht man eine lebende Maus, die an den Beinen gefesselt ist – eine russische Stimme verhört das Tier und bietet ihm eine Zigarette an. Demurtschiyev reagiert auf das Video, das von Generalleutnant Michail Kosobokow, Kommandant der 49. Armee, geschickt wurde, mit einem Smiley-Emoji. In einer anderen Nachricht schickt Demurtschiyev ein Meme: "Es ist kein Kriegsverbrechen, wenn es Spaß gemacht hat."