Nach der verheerenden Sturzflut in Nepal steigt die Zahl der Todesopfer auf mehr als 500. Während Rettungskräfte weiter unermüdlich im Einsatz sind, bleibt die Lage vor Ort extrem angespannt. Sorge bereitet vor allem ein möglicher weiterer Dammbruch.
Wie gefährlich die Situation weiterhin ist und welche Rolle der Klimawandel bei der Katastrophe spielt, erklärte Gletscherforscherin Andrea Fischer in der ZIB2 bei Margit Laufer. Bis die genaue Kette der Ursachen geklärt sei, werde es noch dauern.
Fest steht laut Fischer bisher, dass sich die Zunge des Gletschers in Bewegung gesetzt hat. Gleichzeitig geriet auch das darunterliegende Material ins Rutschen. Beide Phänomene stünden mit dem Klimawandel in Verbindung.
Die Situation sei nach wie vor "sehr gefährlich". Auch von den Seiten komme es zu neuen Rutschungen. In den kommenden Tagen müsse zudem mit weiteren Aufstauungen gerechnet werden. Die gesamte Lage sei "sehr, sehr instabil und gefährlich".
In den vergangenen Jahren habe man eine Häufung solcher Ereignisse und gefährlicher Prozessketten beobachtet. Auch die aktuelle Katastrophe dürfte mit der Erwärmung zusammenhängen. Wann es erneut zu derartigen Ereignissen kommt, lasse sich allerdings nicht vorhersagen.
Eine zentrale Rolle spielt dabei der Permafrost. Durch das Auftauen von Eis und gefrorenem Untergrund gehe gewissermaßen der "Kitt" im Gebirge verloren. Instabile Gesteinsmassen könnten sich dadurch lösen und ins Tal stürzen.
"Die Berge müssen sich schälen", beschreibt Fischer den Vorgang drastisch.Laufer wollte daraufhin wissen, ob eine vergleichbare Katastrophe auch in Österreich denkbar wäre. Fischers Antwort: Im Wesentlichen laufen in den heimischen Bergen dieselben Prozesse ab.
Österreich habe allerdings entscheidende Vorteile. Die Sturzhöhen seien geringer, die Täler breiter und die Vorwarnsysteme deutlich besser ausgebaut.
Entwarnung gibt die Expertin dennoch nicht. Der Klimawandel stelle Österreich vor enorme Herausforderungen, weil manche dieser Vorgänge bisher noch nie beobachtet worden seien. Entsprechend fehlen Messdaten und Erfahrungswerte.
Die Wissenschaft müsse sich das nötige Wissen erst erarbeiten, um beurteilen zu können, wann tatsächlich ein gefährlicher Zustand erreicht ist - und wann etwa Menschen im Unterlauf eines möglichen Ereignisses evakuiert werden müssen.
Auch bei der Abstimmung zwischen Wissenschaft, Behörden und Bevölkerung gebe es noch offene Fragen.
Wie rasant sich die Alpen derzeit verändern, zeigt eine Prognose Fischers besonders deutlich: Allein heuer könnte Österreich fünf bis zehn Prozent seiner Gletscherfläche verlieren. Wann daraus an einzelnen Stellen eine akute Gefahr entsteht, lässt sich derzeit aber noch nicht zuverlässig sagen. Bis entsprechende Erkenntnisse vorliegen, könnten Monate oder sogar Jahre vergehen.