Nach dem mutmaßlichen Angriff auf ein Umspannwerk in Bergheim bei Köln rückt nun ein brisanter Fund in den Mittelpunkt: Ermittler entdeckten sechs Abschussvorrichtungen in einem Feld. Wie "Focus Online" berichtete, läuft an der Anlage ein Großeinsatz; angesichts der Spurenlage ist von einem Sabotage-Akt auszugehen.
Nach Angaben des Leitenden Kriminaldirektors Michael Esser sollen die Vorrichtungen so gebaut gewesen sein, dass mit pyrotechnischen Gegenständen ein Draht über Stromleitungen gebracht werden konnte. Genau dieser Draht dürfte aus Sicht der Ermittler eine zentrale Rolle gespielt haben: das leitfähige Material auf der Oberleitung löste wohl den Kurzen aus.
NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) sprach von einem ernsten Angriff auf die Infrastruktur. Es bestehe der Anfangsverdacht einer verfassungsfeindlichen Sabotage. Geprüft werde laut Reul in zwei Richtungen: fremdstaatlich gelenkte Sabotage und Linksextremismus. "Wer da ran geht, greift unser Land an", sagte der Minister.
Der Vorfall ereignete sich am Dienstagabend gegen 20 Uhr im Bergheimer Ortsteil Rheidt. Die Polizei wurde zunächst wegen einer technischen Störung zu dem Umspannwerk gerufen. Nach einem Kurzschluss waren mehrere Leitungen ausgefallen. Später übernahm die Polizei Essen die Ermittlungen, weil sie für derartige Einsatz- und Ermittlungslagen vorbereitet ist.
Ein Anwohner berichtete, er habe am Abend einen schwarzen SUV vom Umspannwerk wegfahren sehen. Kurz darauf soll es drei Explosionen gegeben haben. Wenig später seien Hubschrauber über der Gegend gekreist. Diese Angaben stammen aus einer Augenzeugenschilderung; ob das Fahrzeug mit der Tat zusammenhängt, ist nicht bestätigt.
Die Folgen waren erheblich: Fünf Braunkohle-Kraftwerksblöcke von RWE an den Standorten Niederaußem und Neurath gingen infolge der Störung vom Netz. Die betroffenen Blöcke haben zusammen eine grundsätzliche Kraftwerkskapazität von rund 4.200 Megawatt. Zum Zeitpunkt des Vorfalls speisten sie rund 3.000 Megawatt ins Netz ein.
Die allgemeine Stromversorgung blieb dennoch gesichert. Amprion konnte nach Angaben des Unternehmens fehlende Strommengen aus anderen Bereichen heranziehen. Der Block Niederaußem H war bereits am Morgen wieder am Netz, zwei weitere Blöcke sollten im Tagesverlauf folgen. An der Wiederinbetriebnahme der übrigen Blöcke wurde weiter gearbeitet.
Der Fall wird auch deshalb besonders ernst genommen, weil es nur Stunden zuvor einen ähnlichen Vorfall an der Strominfrastruktur in Brandenburg gegeben hatte. Nahe dem Kohlekraftwerk Jänschwalde hatten Unbekannte versucht, Kurzschlüsse an Höchstspannungsleitungen auszulösen. Ob es einen Zusammenhang gibt, ist derzeit offen. Die Ermittler sichern weiter Spuren, die Hintergründe sind noch nicht geklärt.