Italienisch statt deutsch?

Große Aufregung um Umbenennung von Südtiroler Hütten

Nur noch italienische Namen für deutsche Traditionshütten in Südtirol? Diese Meldung einer deutschen Zeitung lässt in Südtirol alte Wunden aufbrechen.
Nick Wolfinger
30.06.2025, 18:29
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Ein Bericht der deutschen "Bild"-Zeitung schlägt Wellen: "Italiener wollen deutsche Hütten-Namen loswerden", schrieb das Blatt am Montag in seiner Online-Ausgabe: "Der italienische Alpenverein will im größtenteils deutschsprachigen Südtirol die deutschen Namen von Berghütten loswerden", heißt es im Text weiter. Konkret gehe es um Namen wie "Regensburger", "Kasseler", "Marburger", "Chemnitzer" und "Magdeburger Hütte". "Sie sollen nun stattdessen Namen italienischer Regionen bekommen", behauptet die Zeitung.

Empörte Reaktionen

Die empörten Reaktionen folgten prompt: Der Südtiroler Heimatbund protestierte. Die deutschen Städtenamen gingen auf die Erbauer der Hütten zurück. So sei die Kasseler Hütte von der Sektion Kassel des Deutschen Alpenvereins errichtet worden, berichtet die Südtiroler Tagesschau.

Auch die Südtiroler Freiheitlichen protestierten: "Wer heute meint, dass Bezeichnungen wie Chemnitzer Hütte oder Marburger Hütte nicht mehr zeitgemäß seien, ignoriert nicht nur die Geschichte des Alpinismus, sondern betreibt eine fragwürdige Identitätspolitik auf dem Rücken historischer Verdienste", zitiert die BILD den Vizeobmann der Südtiroler Freiheitlichen, Otto Mahlknecht.

Kein italienischer Vorschlag

Bloß: Der Vorschlag stammt nicht vom Italienischen Alpenverein (Club Alpino Italiano, CAI), der nur für einen kleinen Teil der Hütten in Südtirol zuständig ist (und die schon jetzt italienische Zusatzbezeichnungen aufweisen). In Wahrheit kommt die Idee vom (deutschsprachigen) Südtiroler Alpenverein (AVS) selbst, wie eine kurze Recherche aufzeigt.

In einem Beitrag im AVS-Magazin "Berge erleben" schrieb die Vizedirektorin des Südtiroler Alpenvereins, Ingrid Beikircher: "Schutzhütten sollten nach dem Standort, der Gegend oder der alpinen Lage benannt werden. Das wäre dann auch mit der italienischen Übersetzung stimmig". Vom Ersetzen deutscher Namen durch italienische ist dabei keine Rede.

"Namen nicht mehr zeitgemäß"

Größere Kreise (bis nach Deutschland) zog der Beitrag allerdings erst, als die Südtiroler Tageszeitung "Dolomiten" das Thema am 27. Juni aufgriff und Beikircher mit den Worten zitierte: "Die Namen der Hütten sind nicht mehr zeitgemäß".

Die elf vom AVS betriebenen Hütten in Südtirol hätten alle schon jetzt ortsbezogene Namen wie "Brixener Hütte" oder "Meraner Hütte", so Beikircher weiter. Anders sehe es jedoch bei den rund 20 Hütten im Besitz des Landes Südtirol aus. Diese tragen noch heute ihre Traditionsnamen, die sich nach den Erbauern der Hütten orientierten. Also etwa "Kasseler Hütte" oder "Regensburger Hütte" nach Sektionen des Deutschen Alpenvereins.

Eine Postkarte aus dem Jahr 1930 mit einer Hütte des italienischen Alpenvereins in Südtirol
Austrian Archives / brandstaetter images / picturedesk.com

"Bonner Hütte macht keinen Sinn"

Den deutschen Alpenvereinssektionen spricht Beikircher jedoch das Interesse am Erhalt oder der Unterstützung der nach ihnen benannten Hütten ab, weshalb sie die Umbenennung ins Spiel brachte: "Eine Bonner Hütte oberhalb von Toblach" mache "keinen Sinn", so Beikircher im "Dolomiten"-Artikel. Es gehe auch darum, Verwirrung in Notfällen zu vermeiden, wenn die Hütten andere Namen tragen als die Berge, auf denen sie stehen.

Außerdem habe beispielsweise die Kasseler Hütte früher "Rieserferner Hütte" geheißen, argumentiert Beikircher und plädiert für eine Umbenennung in "Hochgallhütte" – nach "dem Berg, an dessen Fuße sie sich befindet". Dazu kommt, dass die Hütte auf italienisch noch heute den Namen "Rifugio Roma" trägt, was auf die Zeit des italienischen Faschismus zurückgeht.

Auch die Magdeburger Hütte, die dem Land Südtirol gehört, steht im Zentrum der Debatte
Christian Peters / imageBROKER / picturedesk.com

Einheitliche Namen gewünscht

"Das macht keinen Sinn", so Beikircher, die sich einheitliche Namen – die auf deutsch und italienisch das Gleiche bedeuten – wünscht. "Um die Entstehung und Geschichte der Hütte nicht zu vergessen, könnte man bei jeder neu umbenannten Hütte eine mehrsprachige Tafel anbringen (…) Die Geschichte soll nicht verschwiegen werden", zitiert "Dolomiten" die AVS-Vizepräsidentin.

Laut AVS-Präsident Georg Simeoni gebe es schon länger Gespräche mit dem CAI und dem Land Südtirol zur Umbenennung von Hütten mit ortsfremden Namen, schreibt "Dolomiten". Der Ball liege beim Land, es sei letztlich eine politische Entscheidung.

Aufgrund der hitzigen Debatte stellte der AVS in einer der "Heute" vorliegenden Presseaussendung am 30. Juni noch einmal klar, dass die Aussagen von Beikircher ein "Denkanstoß" seien und es "keinen Beschluss der AVS-Gremien gibt".

„Es geht also nicht darum, bundesdeutsche oder italienische Bezeichnungen loswerden zu wollen, sondern vielmehr darum, die eigenen alpinen Südtiroler Namen zu platzieren. Selbstverständlich würden bei den umbenannten Hütten mehrsprachige Tafeln angebracht werden, wo die Geschichte und Namensgebung der Hütte festgehalten werden.“
Presseaussendung des Südtiroler Alpenvereins30. Juni 2025

Namensänderung für Italiener kein Thema

Der italienische Alpenverein verfolge jedenfalls nicht die Absicht, deutsche Hüttennamen durch italienische Namen zu ersetzen, wie Vizepräsident Giacomo Benedetti am Montag auf "Heute"-Anfrage erklärte: "Der CAI hat weder in Südtirol noch in anderen Regionen Italiens zentralistische Richtlinien zur Änderung der Schutzhüttennamen erlassen oder vorgeschlagen. (…) Viel wichtiger ist dem Italienischen Alpenverein die vollständige Einhaltung der Hüttenordnung", so Benedetti.

{title && {title} } NW, {title && {title} } Akt. 01.07.2025, 13:23, 30.06.2025, 18:29
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