Nachhaltigkeit als Aushängeschild - und in Wahrheit Beton statt Bäume? Rund um die Winterspiele in Cortina wächst massive Kritik an den Umweltauswirkungen der Spiele. Umweltorganisationen sprechen offen von einer "großen olympischen Lüge", wie der britische "Guardian" berichtet.
Offiziell betont das Internationale Olympische Komitee (IOC), Nachhaltigkeit habe "höchste Priorität". 85 Prozent der Wettkampfstätten seien bereits vorhanden oder nur temporär. Dazu kämen klimafreundliche Transportpläne und recycelbares Besteck. Doch Kritiker zeichnen ein anderes Bild.
So wurden zahlreiche bestehende Anlagen abgerissen und größer neu gebaut. In Livigno wurde ein neuer Snowpark in einen Berg gegraben, obwohl im Nachbartal bereits einer existierte. In Predazzo entstanden neue Skisprungschanzen nur wenige hundert Meter von den alten entfernt, so der "Guardian".
Besonders heftig ist die Kritik an der neuen Bobbahn. Für sie wurde der Wald Bosco di Ronco gerodet - ein Forst mit 150 Jahre alten Bäumen. Dendrologen bezeichneten das Gebiet als einzigartig, da es sich um einen seltenen Monokulturwald in vergleichsweise niedriger Lage der Südalpen handelte. Heute dominieren dort Stahl und Beton.
Auch beim Thema Schnee sieht die Bilanz düster aus. Die Klimakrise hat die durchschnittlichen Februartemperaturen in Cortina in den vergangenen 20 Jahren um 3,6 Grad steigen lassen. Gleichzeitig ist die Schneehöhe in den vergangenen 50 Jahren im Schnitt um 15 Zentimeter gesunken.
Um dennoch ausreichend Pisten anbieten zu können, mussten vier Hochgebirgsspeicher errichtet werden. Rund 2,3 Millionen Kubikmeter Kunstschnee wurden benötigt - das Wasser dafür stammte großteils aus ohnehin von Trockenheit geplagten Flüssen.
Brisant ist auch die Kostenverteilung: Von 98 Bauprojekten seien nur 13 Prozent direkt für die Durchführung der Spiele notwendig gewesen, heißt es in dem Bericht. Die restlichen 87 Prozent betrafen demnach Infrastruktur (Straßen, Schienenwege, Parkplätze) - vielfach mit Baustart erst nach Olympia.
Bei rund 60 Prozent der Projekte wurde laut Kritikern auf Umweltverträglichkeitsprüfungen verzichtet. Und das alles inmitten eines UNESCO-Welterbes und eines besonders sensiblen Alpen-Ökosystems.