Präsident Wolodymyr Selenskyj will die Strategie der ukrainischen Armee gegenüber Russland neu ausrichten. Nach fünf Jahren Krieg setzt er dabei auf einen Wechsel an der Spitze: Der bisherige Oberbefehlshaber Oleksandr Syrskyj (60) wurde am späten Dienstag abgelöst.
Generalmajor Mychajlo Drapatyj übernimmt nun das Kommando. Laut "20 Minuten" soll damit vor allem auf Innovation, Drohnentechnologie und mehr Verantwortung in der Führung gesetzt werden. In der Bevölkerung kommt der Wechsel gut an. Schon seit Tagen gab es laute Proteste gegen Syrskyj und Forderungen nach einem neuen Kurs.
Kreml-Kriegstreiber Wladimir Putin hat umgehend einen Haftbefehl erlassen: In der Fahndungsdatenbank des russischen Innenministeriums wird der ukrainische Generalmajor nun als gesucht aufgeführt. Neue Vorwürfe wurden laut russischen Staatsmedien aber nicht genannt, der Haftbefehl wurde nur wenige Stunden nach Drapatyjs Ernennung zum Oberbefehlshaber öffentlich.
Drapatyj wurde 1982 in Kamjanez-Podilski im Westen der Ukraine geboren. Seine militärische Laufbahn startete er nach dem Abschluss am Institut für Panzertruppen in Charkiw im Jahr 2004. Damals begann er als Leutnant in der 72. mechanisierten Brigade nahe Kiew. Zehn Jahre später hatte er bereits den Rang eines Majors erreicht.
Privat ist Drapatyj verheiratet und Vater von zwei Kindern – einem Buben und einem Mädchen.
Zuletzt war er als Kommandant der Vereinigten Streitkräfte für die Verteidigung im Nordosten der Ukraine zuständig. Drapatyj steht für eine neue Generation von Militärs, die ihre Karriere im Kampf gegen russische Angriffe gemacht haben.
Erst vergangene Woche unterstützte Drapatyj öffentlich den entlassenen Verteidigungsminister Michailo Fedorow. In einem seltenen Facebook-Posting schrieb er: "Ich glaube an die ukrainischen Streitkräfte, die fähig sind, zu lernen, Technologien weiterzuentwickeln, Menschen zu schützen und Kommandeuren die Verantwortung für das Ergebnis zu übertragen."
So stärkten sich die beiden Reformer gegenseitig den Rücken.
Seit mittlerweile 26 Jahren dient Drapatyj im Militär. Vom Panzerleutnant arbeitete er sich hoch bis zu einem der wichtigsten Frontkommandeure des Landes. Wie die New York Times berichtet, wurde er 2014 im ganzen Land bekannt: Im Donbass befreite er eine eingeschlossene Einheit, in Mariupol ließ er eine russische Barrikade mit einem gepanzerten Fahrzeug durchbrechen, um eingekesselte Polizisten zu retten. Ein Video davon ging viral.
In den letzten Jahren war Drapatyj an allen besonders gefährlichen Frontabschnitten im Einsatz. Im Sommer 2024 stoppte er einen russischen Angriff bei Charkiw. Kurz darauf wurde er zum jüngsten Kommandanten der ukrainischen Landstreitkräfte ernannt – einer der höchsten Posten im Militär. Lange blieb er dort aber nicht.
Im Juni 2025 griff Russland ein Ausbildungszentrum der ukrainischen Armee an, mindestens zwölf Soldaten kamen ums Leben. Drapatyj übernahm die Verantwortung und trat zurück. "Eine Armee, in der Kommandeure persönliche Verantwortung für das Leben ihrer Soldaten tragen, ist eine lebendige Streitkraft. Eine Armee, in der niemand für Verluste zur Verantwortung gezogen wird, stirbt von innen", zitierten ihn damals mehrere Medien.
Es wird gemunkelt, dass der damalige Armeechef Syrskyj hinter den Kulissen auf Drapatyjs Rücktritt gedrängt hatte.
Bald darauf übernahm Drapatyj das Kommando über die Vereinigten Streitkräfte – ein weniger prestigeträchtiger, aber operativ enorm wichtiger Posten. In dieser Rolle setzte er sich für Reformen im Rekrutierungssystem, für bessere Ausbildung und mehr Technik an der Front ein.
Für ihn ist es wichtig, dass Soldaten an der Front Eigeninitiative zeigen und flexibel reagieren können. Das sieht Drapatyj als Stärke – anders als manche alteingesessene Militärs, die noch sowjetisch geprägt sind.
Verteidigungsminister Fedorow, ein enger Verbündeter Drapatyjs, gratulierte ihm zum neuen Posten: "Das ist ein frischer Wind und eine neue Quelle der Hoffnung im Kampf freier Menschen für Freiheit und Gerechtigkeit", erklärte er. "Es ist die Stimme des Wandels, die sich nicht länger überhören ließ."
Drapatyj selbst bedankte sich bei Präsident Selenskyj für das Vertrauen – und auch beim Vorgänger: "Ich danke dem Oberbefehlshaber der Streitkräfte der Ukraine, Oleksandr Syrskyj, für seine konsequente Arbeit zur Stärkung der ukrainischen Armee", schrieb er auf Facebook. "In dieser Armee bin ich groß geworden."