Was, wenn die große romantische Liebe gar nicht das Zentrum unseres Lebens sein muss? Was, wenn Familie auch ganz anders funktionieren kann? Und was hält Menschen zusammen, wenn rundherum alles auseinanderzubrechen droht?
Mareike Fallwickl stellt in ihrem neuen Roman "Haltet euch fest" genau jene Glaubenssätze infrage, mit denen viele von uns aufgewachsen sind. Statt klassischer Kleinfamilie und romantischem Happy End entwirft sie eine Gemeinschaft, in der Menschen andere Antworten auf die Frage gefunden haben, wie sie miteinander leben wollen.
Im Mittelpunkt steht Luzia. Sie wächst in einer Gemeinschaft auf, die für ganz unterschiedliche Menschen zur Zuflucht wird. Im schlicht "Haus" genannten Zuhause haben nicht nur romantische Beziehungen Platz: Hier werden queere und platonische Formen von Liebe ebenso gelebt wie geteilte Elternschaft.
Ein Gegenentwurf zur klassischen Familie – und eine Utopie, die Fallwickl nicht nur träumen, sondern auf ihre Belastbarkeit prüfen will.
Als Erwachsene arbeitet Luzia als Theaterregisseurin. Und auch dort geht es um eine Frage, die Fallwickl beschäftigt: Wer hat eigentlich die Macht – und muss das so bleiben?
Dass ausgerechnet das Theater im neuen Roman eine wichtige Rolle spielt, kommt nicht von ungefähr. Fallwickl kennt den Betrieb mittlerweile selbst aus nächster Nähe. Ihr Roman "Die Wut, die bleibt" wurde für die Salzburger Festspiele auf die Bühne gebracht, für das Burgtheater schrieb sie "Elisabeth!".
Dabei bekam sie auch mit, was hinter den Kulissen passiert. Dem "Standard" beschreibt sie das Theater als "wahnsinnig hierarchisch patriarchal geprägten Machtapparat".
Gleichzeitig hat sie erlebt, dass es anders gehen kann. Als Beispiel nennt sie Regisseurin Jorinde Dröse, die "Die Wut, die bleibt" für die Salzburger Festspiele inszenierte. Dröse spreche von einem "Graswurzelgeflecht": Einzelne Menschen beginnen, Dinge anders und besser zu machen – und viele kleine Veränderungen können irgendwann etwas Großes ergeben.
Fallwickl sieht dabei auch den Erfolg feministischer Stoffe als Hebel. Denn Theater seien eben auch wirtschaftlich arbeitende Betriebe. Wenn moderne feministische Stücke die Häuser füllen, so ihre Hoffnung, könnten Bühnen künftig häufiger weiblichen Regisseurinnen und Autorinnen überlassen werden.
Dass Luzia in "Haltet euch fest" ausgerechnet als Regisseurin gegen patriarchale Strukturen kämpft, bekommt vor diesem Hintergrund eine zusätzliche Ebene: Die Utopie des Romans beschränkt sich nicht auf Liebe und Familie. Fallwickl fragt auch, ob sich festgefahrene Machtstrukturen verändern lassen – wenn genügend Menschen im Kleinen damit anfangen.
Doch auch das alternative Familienmodell des Romans muss den Realitätstest bestehen. Über Jahrzehnte hat sich die Wahlfamilie ihr eigenes Zusammenleben geschaffen. Dann gerät alles ins Wanken: Ein verheerendes Unwetter bedroht nicht nur das Haus, sondern auch das, was seine Bewohnerinnen und Bewohner miteinander aufgebaut haben.
Und damit wird aus der Utopie eine ziemlich konkrete Frage: Hält Gemeinschaft auch dann, wenn es wirklich schwierig wird?
Fallwickl erzählt damit von einem Thema, das größer ist als die Geschichte ihrer Figuren. Wer kümmert sich um wen? Welche Beziehungen zählen? Muss romantische Liebe tatsächlich immer an erster Stelle stehen? Und wie könnte ein Leben aussehen, wenn wir Familie nicht als festgeschriebenes Modell, sondern als etwas betrachten, das wir selbst gestalten dürfen?
Mit "Haltet euch fest" wagt Mareike Fallwickl einen Entwurf davon, wie Zusammenleben anders funktionieren könnte. Gleichzeitig nimmt sie sich patriarchale Machtstrukturen vor – und die Vorstellung, dass sie unveränderlich seien.
Vielleicht ist genau das die eigentliche Utopie ihres neuen Romans: Dass viele Menschen, die im Kleinen etwas anders machen, am Ende tatsächlich etwas Großes verändern können.
"Haltet euch fest" von Mareike Fallwickl erscheint heute.