Österreichs Generalstabschef Rudolf Striedinger steht kurz vor seinem Abschied. Ende September geht der 1961 in Wiener Neustadt geborene höchste Militär des Landes in Pension. In einem Interview mit ORF Niederösterreich, geführt von Robert Friess mit Rodulf Stridinger, spricht er über die Bedrohung durch Russland, den Ukraine-Krieg und die geplante Verlängerung des Wehrdienstes.
Striedinger blickt auf eine jahrzehntelange Karriere beim Bundesheer zurück. Seine militärische Laufbahn begann 1979, von 1980 bis 1983 besuchte er die Theresianische Militärakademie in Wiener Neustadt. Zwischen 2011 und 2016 war er Militärkommandant von Niederösterreich, 2022 wurde er Generalstabschef. Sein Nachfolger soll Harald Vodosek werden.
Ein großes Thema vor Striedingers Abschied ist die geplante Verlängerung des Wehrdienstes. Die Bundesregierung hat sich auf sechs Monate Grundwehrdienst plus drei Monate Milizübungen verständigt. Das Bundesheer hatte ursprünglich acht Monate Grundwehrdienst und zwei Monate Milizübungen gefordert.
Mit dem politischen Kompromiss kann Striedinger dennoch leben. "Für uns ist klar, dass alles, was länger ist als derzeit, ein Gewinn ist", sagt der Generalstabschef gegenüber noe.ORF.at.
Besonders wichtig sei dem Heer, die insgesamt neun Monate möglichst flexibel zu nutzen. Nach der sechsmonatigen Basisausbildung soll eine Truppenausbildung folgen. Ziel sei es, die Soldaten anschließend einsatzbereit in die Miliz übernehmen zu können.
Neben der klassischen militärischen Landesverteidigung beschäftigt das Bundesheer zunehmend die hybride Kriegsführung. Dabei gehe es nicht ausschließlich um das Militär, sondern um eine Bedrohung der gesamten Gesellschaft. Striedinger fordert deshalb eine Wiederbelebung der umfassenden Landesverteidigung.
Auch Drohnen spielen dabei eine immer größere Rolle. Eine dauerhafte Gefahr sieht Striedinger zudem im digitalen Bereich: "Die Drohnen spielen eine Rolle, aber im Cyberraum ist eine permanente Bedrohung, die wir tagtäglich spüren."
Besonders eindringliche Worte findet der scheidende Generalstabschef für die Gefahr, die seiner Einschätzung nach von Russland ausgeht. Auf die Frage, wie groß die Bedrohung Europas durch Russland sei, antwortet Striedinger: "Sie ist existenziell bedrohend."
Dabei misst der Generalstabschef dem Abwehrkampf der Ukraine eine zentrale Bedeutung für die Sicherheit Europas bei. "Wir als Europäer können derzeit tatsächlich sehr froh sein, dass die Ukraine den Abwehrkampf auch für Europa führt", sagt Striedinger.
Entsprechend deutlich fällt seine Einschätzung zu einer möglichen Niederlage der Ukraine aus. "Wir können nur hoffen, dass die Ukraine nicht fällt, denn sobald das der Zeitpunkt ist, wird es wirklich unangenehm, weil wir nicht wissen, wo Russland sein Ende sieht."
Striedinger verweist dabei auch auf die baltischen Staaten. Wenn ehemalige sowjetische Gebiete weiterhin zu den Zielsetzungen von Russlands Präsident Wladimir Putin gehörten, müsse man sich die Frage stellen, was mit diesen Staaten passieren könnte.
Auch zur österreichischen Neutralität äußert sich Striedinger deutlich. Angesprochen darauf, ob diese in der aktuellen geopolitischen Lage noch ausreiche, sagt er: "Wir sind in diesem Zusammenhang nicht neutral."
Ende September legt Striedinger schließlich seine Uniform ab. Konkrete Pläne für die Zeit danach hat der General noch nicht. Mit fünf Enkeln und seiner Frau werde ihm jedenfalls nicht langweilig werden. Der Pension sehe er nach seinem langen Berufsleben "mit durchaus sehr viel Freude und Genugtuung entgegen".