Der Ukraine-Krieg tobt mit ungebrochener Härte weiter, doch die Front selbst ist wie festgefahren. Die Massen an Drohnen in der Luft haben einen Dutzende Kilometer tiefen Streifen in eine Todeszone verwandelt, große Angriffsmanöver sind selten geworden.
Die russische Armee setzt für ihre Offensive deshalb aktuell auf Infiltrationstaktik: Soldaten schleichen sich einzeln oder in Kleinstgruppen durch die poröse Front. Die wenigen, die das überleben, sammeln sich dann, um eine einzelne ukrainische Stellung zu überfallen. Das ist ein äußerst langsamer und verlustreicher Prozess.
Die Ukrainer stehen vor demselben Problem, sie können jedoch aufgrund Personalmangels nicht die Menschenleben verachtende russische Offensivtaktik kopieren. An eine Rückeroberung besetzter Gebiete ist so nicht zu denken.
Es verwundert also nicht, dass die Generalität beider Seiten wieder Bewegung in das Schlachtfeld bringen will. Intensiv wird an Mitteln geforscht, um die Drohnen-Dominanz zu brechen, oder zumindest lokal so zu schwächen, dass wieder vorgerückt werden kann.
Wie erfinderisch die russische Armee dabei wird, verdeutlicht ein seltener mechanisierter Angriff vom 22. Juli 2026 im Bereich der Bergbaustadt Dobropillja, Oblast Donezk.
Der russische Angriffstrupp war nach den Maßstäben von 2022 oder 2023 nicht besonders groß, im Jahr 2026 stach er jedoch deutlich hervor: gleich mehrere Panzer, Truppentransporter und Soldaten auf Motorrädern und Quads waren daran beteiligt.
Die Panzer waren dabei, in für russische Standards ungewöhnlich großer Zahl, mit dem System "Arena" ausgestattet. Dabei handelt es sich um ein sogenanntes abstandsaktives Schutzsystem (APS). Radarsensoren auf dem Panzer erfassen gegnerische Geschosse und feuern eine an der Außenhülle angebrachte Splitterkassette direkt in ihre Flugbahn, um sie nur Millisekunden vor einem potenziell katastrophalen Treffer zu zerstören. "Arena" ist keine Neuentwicklung, wurde nun aber offensichtlich nun weiterentwickelt, um Drohnen abzuwehren.
Und genau in dieser Rolle war es bei Dobropillja zu sehen – und offenbar sehr erfolgreich. "Die ukrainischen Einheiten stellten fest, dass ihre FPVs etwa 5 Meter vor dem Panzer den Videokontakt verloren. Durch die Aufklärungsdrohnen konnten sie zwei Explosionen erkennen: eine am Panzer, eine in einiger Entfernung vom Panzer – ihre eigene Drohne", schildern der ukrainische Veteran Dmytro Putiata und der Veteran des US-Marinekorps Rob Lee in einem Interview mit dem australischen YouTuber "Perun".
Von den Ukrainern veröffentlichte Aufnahmen der Ukrainer, die das Ausschalten der Panzer dokumentieren, zeigen ungewollt auch die Wirksamkeit von "Arena". Das System dürfte zahlreiche Drohnen abgewehrt haben.
"Das ist der erste mir bekannte Kampfeinsatz, bei dem das System zum Einsatz kam. Es sah so aus, als wären jeweils fünf, sechs oder sieben FPVs von jedem System gestoppt worden", so der amerikanische Soldat in seiner Analyse. Nach anderen Schätzungen waren es sogar mehr. Erst als "Arenas" Munition zur Neige ging, oder die Sensoren durch Splitter beschädigt wurden, dürfte ein Durchbruch der ukrainischen Drohnen gelungen sein. Das legen auch die Videos der schlussendlich erfolgreichen Angriffe nahe.
Die große Frage, die nun für die Ukraine im Raum steht: Was, wenn die Russen noch mehr "Arena"-Systeme ins Feld führen und vielleicht auch noch mit mehr Munition ausstatten? Dann könnte ein mechanisierter Großangriff die Abwehrfähigkeit mit Drohnen in einem Frontabschnitt komplett überlasten. Die einzelnen Stellungen hätten womöglich zu wenige Drohnen oder Piloten, um die nötigen Massen zu steuern.
"Das hier war ein erster Kampftest – und er war teilweise erfolgreich. Wir haben die ersten Versuche [der Russen] gesehen, um die Manövrierfähigkeit wiederherzustellen", sagt Lee. "Ich glaube, es ist machbar."
Dennoch sei "Arena" keine Wunderwaffe und habe sicherlich auch Schwachstellen, die die Ukrainer ausnutzen könnten. Außerdem gebe es auch andere Mittel als Drohnen, um Panzer abzuwehren; etwa Raketen und Artillerie. "Die althergebrachten Waffensysteme sind nach wie vor wichtig."
Bei dem mechanisierten Angriff bei Dobropillja stachen aber noch andere Dinge hervor: An den Panzern waren keine sichtbaren Minenräumgeräte installiert – das galt auf dem Schlachtfeld Ukraine, auf Minenfelder allgegenwärtig sind, bisher als Muss. Die Russen hatten jedoch eine Geheimwaffe dabei, die die fernverlegbaren Panzerminen PTM-3 komplett aushebelte.
Die PTM-3 werden normalerweise nicht vergraben, die Detonation wird durch einen Magnetzünder ausgelöst, der die Veränderung des Erdmagnetfelds durch anrollende Stahlkolosse erkennt.
Putiata und Lee beschreiben, wie der russische Angriffstrupp scheinbar unaufhaltsam durch das Minenfeld rollte: "Die PTM-3 detonierten einfach zwei bis drei Meter VOR den Panzern. 16, 17 Stück. Die wurden nicht einmal langsamer, wie sie es mit einem Minenroller tun müssten".
Den russischen Ingenieuren ist es somit offensichtlich gelungen, eine gänzlich neue Gegenmaßnahme gegen die fernverlegbaren PTM-3 mit ihren Magnetzündern zu finden. Gegen vergrabene Panzerminen mit klassischem Druckzünder ist diese zwar mutmaßlich wirkungslos, eröffnet den russischen Verbänden aber dennoch neuen Bewegungsspielraum, auf den wiederum die Ukrainer reagieren müssen.
Hinter den Minen folgten rund zwei Meter tiefe Gräben, die ein Vorankommen blockieren. Doch auch dafür schienen die Kreml-Truppen eine Lösung zu haben: "Die Russen haben mit Drohnen Sprengladungen in die Grabenwände gefeuert. Dann mussten Soldaten mit Schaufeln vorpreschen – nicht der geilste Job der Welt –, um die gelockerte Erde in den Graben zu schütten. Das reichte zwar nicht für die Panzer, aber es war genug, dass die Motorräder auf die andere Seite kamen", schildert Lee.
Die Vorwärtsverlegung einer größeren Zahl an Infanterie dürfte somit eines der Ziele dieser Operation gewesen sein. Die Panzer und gepanzerten Transporter sollten wohl das ukrainische Feuer auf sich ziehen, um die (Fuß)-Soldaten zu schützen.
Das Fazit der beiden Kriegsveteranen: "Es war nicht erfolgreich, aber das Konzept war nicht schlecht. Sie hatten für viele Hindernisse eine Antwort. Einzelne Innovationen führten zwar nicht zum Erfolg, aber wenn sie daraus lernen, könnte das in Zukunft anders ausgehen."