Der Ukraine-Krieg hat nach Einschätzung von Oberst Markus Reisner eine neue Eskalationsstufe erreicht. Während die Front weitgehend erstarrt ist, versuchen Russland und die Ukraine, mit Drohnen, Marschflugkörpern und ballistischen Raketen die Infrastruktur und Nachschubwege des Gegners zu zerstören. Der Experte des österreichischen Bundesheeres warnt dabei auch vor immer konkreteren Drohungen Moskaus gegen Europa.
Reisner spricht mittlerweile von der zehnten Phase des Krieges. Diese habe im Mai mit verstärkten ukrainischen Langstreckenangriffen auf die russische Energieinfrastruktur begonnen.
An der eigentlichen Front sei die Lage dagegen weitgehend festgefahren. Russland greife zwar weiterhin an, könne aber keine entscheidenden Geländegewinne erzielen. Die Ukraine verteidige ihre Stellungen, sei jedoch ebenfalls nicht in der Lage, größere Gebiete zurückzuerobern.
Als Grund nennt Reisner das sogenannte "gläserne Gefechtsfeld". Drohnen, Sensoren und Aufklärungssysteme würden Bewegungen militärischer Verbände sofort sichtbar machen. Dadurch sei entlang der Front eine bis zu 50 Kilometer breite "Todeszone" entstanden, in der größere Truppenbewegungen kaum noch möglich seien.
Die Ukraine versucht deshalb zunehmend, russische Ziele weit hinter der Front zu treffen. Zum Einsatz kommen dabei Langstreckendrohnen und Marschflugkörper. Angegriffen werden unter anderem Energieanlagen, Treibstofflager, Eisenbahnverbindungen und große Logistikzentren.
Auch die Versorgung der von Russland besetzten Krim steht im Visier. Mit modernen Drohnensystemen soll versucht werden, die Treibstoffversorgung der Halbinsel zu unterbrechen.
Laut Reisner haben die ukrainischen Angriffe bereits messbare Schäden am russischen Industriekomplex verursacht. Diese könnten Moskaus Fähigkeit zur langfristigen Fortsetzung des Krieges zunehmend einschränken.
"Putin weiß, dass Russland die Zeit davonläuft", analysiert der Oberst. Sollte Russland an der Front keine entscheidenden Erfolge erzielen und gleichzeitig immer größere Schäden im eigenen Hinterland erleiden, könnte der Kreml mittelfristig zu einem Waffenstillstand gedrängt werden.
Doch auch die Lage der Ukraine bleibt angespannt. Die Regierung in Kyjiw müsse versuchen, noch vor dem Herbst eine Entscheidung herbeizuführen. Im Winter seien erneut massive russische Angriffe auf die kritische Infrastruktur des Landes zu erwarten.
Das ukrainische Strom- und Energienetz sei bereits schwer beschädigt. Eine weitere Angriffswelle könnte die Bevölkerung und die Wirtschaft erneut massiv unter Druck setzen.
Eine besondere Schwachstelle der Ukraine ist laut Reisner der Mangel an Abfangraketen für die Flugabwehrsysteme vom Typ "Patriot". Russland habe diese Lücke erkannt und setze deshalb verstärkt ballistische Raketen ein.
Präsident Wolodymyr Selenskyj signalisiere daher wiederholt seine Bereitschaft zu einem begrenzten Waffenstillstand auf strategischer Ebene. Dabei würden beide Seiten zunächst ihre Angriffe auf Ziele weit hinter der Front einstellen.
Nach Einschätzung Reisners versuchen sowohl Russland als auch die Ukraine, den Gegner vor Beginn des Winters entscheidend zu schwächen.
"In dieser Zuspitzung geht es um einen Kampf der Willen und um die Frage, wer stärker ist", erklärt der Militärexperte. Ob eine der beiden Seiten tatsächlich eine Entscheidung erzwingen kann, sei derzeit noch völlig offen.
Gleichzeitig verschärft Russland seinen Ton gegenüber Europa. Moskau habe europäischen Unternehmen, die am ukrainischen Langstreckendrohnenprogramm beteiligt seien, mit Vergeltung gedroht und sie als "legitime Angriffsziele" bezeichnet.
Reisner verweist außerdem auf mehrere russische Machtdemonstrationen. Dazu zählen der Test einer "Sarmat"-Interkontinentalrakete, eine große Nuklearübung und der erneute Einsatz einer Mittelstreckenrakete vom Typ "Oreschnik".
Auch die Wortwahl des Kremls habe sich verändert. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow bezeichnete die bisher offiziell als "militärische Spezialoperation" geführte Invasion erstmals öffentlich als Krieg. In der russischen Eskalationslogik sei das ein weiterer Schritt in Richtung eines regionalen Konflikts und eine "entscheidende Wendung".
Einfluss auf den weiteren Kriegsverlauf habe auch die internationale Lage. Nach Einschätzung Reisners wenden sich die USA wieder stärker der Ukraine zu. US-Präsident Donald Trump erhoffe sich dort offenbar einen politischen Erfolg, den er innenpolitisch nutzen könne. Auch beim jüngsten NATO-Gipfel seien deshalb wieder deutlich versöhnlichere Töne gegenüber Kyjiw zu hören gewesen.
Eine immer größere Rolle spielen dabei auch amerikanische Technologieunternehmen. Der Softwarekonzern Palantir unterstützt die Ukraine unter anderem mit den Systemen "Maven" und "Prisma".
"Maven" hilft dabei, große Mengen an Aufklärungs- und Zieldaten auszuwerten und Angriffe vorzubereiten. "Prisma" soll es ermöglichen, die begrenzten ukrainischen Luftabwehrkapazitäten möglichst effizient einzusetzen. Hinzu kommt Elon Musks Satellitennetzwerk "Starlink", das für die Kommunikation der ukrainischen Streitkräfte von zentraler Bedeutung ist.
Auch innerhalb der ukrainischen Armee wird verstärkt auf unbemannte Systeme gesetzt. Drohnen und Bodenroboter sollen Aufgaben übernehmen, für die bislang Soldaten eingesetzt werden mussten.
Ziel sei es, die hohen personellen Verluste zu reduzieren und gleichzeitig die militärische Wirkung zu erhöhen. Die jüngsten Personalveränderungen in der ukrainischen Regierung und Armeespitze könnten in diesem Bereich jedoch eine neue Dynamik auslösen.
Für Reisner ist klar: Technologische Innovationen entscheiden zunehmend darüber, welche Seite die Initiative gewinnt. Wer neue Systeme schneller entwickelt und wirksamer auf dem Gefechtsfeld einsetzt, könnte den weiteren Verlauf des Krieges maßgeblich bestimmen.