Seit Tagen häufen sich die Behauptungen aus Russland, dass die ukrainische Stadt Kostjantyniwka im Gebiet Donezk erobert wurde. Kreml-Kriegstreiber Wladimir Putin höchstpersönlich hatte zuletzt mit diesem Erfolg geprahlt: "Kostjantyniwka ist komplett eingenommen. Die Stadt steht nun vollständig unter unserer Kontrolle", behauptete sein Sprecher Dmitri Peskow Anfang Juli. Veröffentlichte Fotos von Russland-Fahnen haltenden Soldaten im Stadtgebiet sollen die Erzählung untermauern.
So klar ist die Sache auf dem Boden allerdings nicht. Die ukrainische Armee selbst spricht nur von einer schwierigen Lage. Zwar hätten kleinere russische Gruppen die Stadt infiltriert, die ukrainischen Kräfte würden diese aber weiterhin die Kontrolle haben. Es wäre jedenfalls nicht das erste Mal, dass die russischen Generäle vorzeitig mit einer Eroberung prahlen, obwohl die Gefechte noch andauern.
"Aktuell haben die Russen demonstriert, dass sie in allen Stadtbezirken präsent sind. Doch ob das Hissen von Flaggen tatsächlich bedeutet, dass die Stadt vollständig unter ihrer Kontrolle ist, bleibt offen", sagt Oberst Markus Reisner zu "ntv.de". "Entscheidend wird sein, ob die Ukraine die Stadt nachhaltig halten kann – und damit ihr Narrativ stützt, dass Kostjantyniwka noch nicht in russischem Besitz ist."
Peskows Presseauftritt sei aber aus einem ganz anderen Grund bedeutsam: Zum ersten Mal spricht Putins Sprachrohr davon, dass sich die "militärische Spezialoperation" zu einem echten Krieg entwickelt habe – weil westliche Länder in den Konflikt hineingezogen worden seien. "Das ist eine entscheidende Wendung in diesem Konflikt", konstatiert der österreichische Militärhistoriker. Gleichzeitig sei das auch eine eindeutige Botschaft an die USA.
Markus Reisner (*1978) ist Oberst des Generalstabsdienstes im österreichischen Bundesheer. Er leitet seit März 2024 die Offiziersausbildung an der Theresianischen Militärakademie in Wiener Neustadt. Seine persönlichen Forschungsschwerpunkte liegen unter anderem bei der technologischen Entwicklungen in der Kriegsführung. Der breiteren Öffentlichkeit ist er durch seine fortlaufenden Analysen des russischen Kriegs gegen die Ukraine bekannt.
Reisner erklärt: "Russland kennt vier Stufen des Konflikts: den lokalen, regionalen, großen und den globalen Krieg. Beim Übergang vom regionalen zum großen Krieg kann es laut der russischen Doktrin zum Einsatz von Nuklearwaffen kommen." Damit signalisiere der Kreml seine Bereitschaft, den Konflikt noch weiter zu eskalieren.
Hintergrund ist der große Erfolg der ukrainischen Luftschläge. Die explosiven "Langstrecken-Sanktionen" (Selenskyj) haben nach Angaben aus Kyjiw bereits 43 Prozent der Erdöl- und Raffineriekapazität getroffen. Zuletzt ging eine große Raffinerie in Omsk in Flammen auf – mehr als 2.000 Kilometer hinter der russischen Grenze.
"Russland steht deshalb vor zwei Herausforderungen. Einerseits muss sie die Versorgung der eigenen Bevölkerung und Streitkräfte mit Treibstoffen sicherstellen, andererseits den Export, um die Kriegskasse aufzufüllen", analysiert Reisner. Peskow könnte den USA so signalisieren, dass Russland keine weitere amerikanische Unterstützung bei der ukrianischen Zielaufklärung akzeptieren werde.
Der Bundesheer-Offizier erinnert an zwei grundsätzliche Denkschulen zur Einordnung der russischen Drohungen: "Die eine sagt: Das ist alles ein Bluff der Russen." Demnach werden Aussagen als maßlos übertrieben eingeschätzt, ein Einsatz von Nuklearwaffen etwa ausgeschlossen. "Die andere Denkschule – die auch in der US-Regierung, siehe das berühmte Beispiel von 2022, vorherrscht – nimmt die Drohung der Russen ernst", so Reisner.
Der Kreml ließ zudem wissen, dass die russische Armee ihre "Aufgaben zur Befreiung des Donbass und von 'Noworossija' gemäß dem genehmigten Plan weiterführen" werde. Heißt: Putin ist von seinen maximalistischen Zielen immer noch nicht abgerückt. Allerdings wird inzwischen angezweifelt, dass seine Generäle ihm auch ein realistisches Lagebild vermitteln.
"Putin ist auch der Überzeugung, die russischen Streitkräfte haben Kostjantyniwka bereits eingenommen, und er sieht erhebliche Fortschritte auf dem Weg zur Eroberung des Donbass. Vergleicht man die ukrainischen und russischen Karten, zeigen sich eklatante Abweichungen", betont Reisner. "Ein Grund dafür dürfte sein, dass russische Kommandeure Putin geschönte Lageberichte liefern, die dann in Moskau zu optimistischen Erfolgsmeldungen führen."
Nachsatz: "Trotzdem ist auf dem Schlachtfeld der Druck der Russen auf die Ukrainer unvermindert hoch."