Reisner warnt Europa:

"Die aktuellen Angriffe sind nur ein Vorgeschmack"

Russland greift Europa längst mit hybriden Mitteln an. Oberst Markus Reisner spricht über das "zentrale Schlachtfeld" zwischen Russland und der NATO.
Roman Palman
06.09.2026, 11:51
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Die Sorge vor einer direkten Konfrontation zwischen Russland und der NATO wächst. Doch Oberst Markus Reisner hält eine klassische militärische Invasion durch den Kreml derzeit für weniger wahrscheinlich. Gefährlicher sind aus seiner Sicht andere Formen der Eskalation.

Im Gespräch mit "Ippen.Media" hält der österreichische Offizier fest, dass moderne Kriege längst nicht nur mit Panzern und Soldaten geführt werden. Entscheidend sei vielmehr, in welchen "Domänen" ein Konflikt ausgetragen werde – vom Luftraum über den Cyberraum bis zum Informationsraum.

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Gerade dort würde die Auseinandersetzung zwischen der Russischen Föderation und den NATO-Mitgliedsländern schon mit großer Wucht ausgetragen. "Wir sehen, dass im 21. Jahrhundert vor allem der Informationsraum das entscheidende Schlachtfeld ist", sagt der Militärhistoriker. Es gehe darum, die Bevölkerung eines Staates zu beeinflussen und zu spalten.

"Russlands operativer Plan in einem modernen bewaffneten Konflikt, der nicht offiziell erklärt ist, sieht zunächst eine breite Anwendung nicht-kinetischer Handlungsfelder vor", zitiert Reisner Putins Generalstabschef Waleri Gerassimow. Damit habe er eine Blaupause für das, was auf Europa zukomme, geliefert: "politische, wirtschaftliche und informationelle Kriegsführung, die auf dem Potenzial zur inneren Destabilisierung beruht – ergänzt durch den Einsatz von Spezialkräften oder Militäraktionen".

Oberst Markus Reisner leitet seit 1. März 2024 das Institut für Offiziersausbildung an der Theresianischen Militärakademie in Wiener Neustadt.
Bundesheer/Kristian Bissuti

Der Kreml setze dabei auf gezielte Nadelstiche: "Russland hat diesen hybriden Krieg mit verschiedenen Maßnahmen längst gestartet", warnt der Militärhistoriker: "Die aktuellen Angriffe sind nur ein Vorgeschmack".

Es gehe darum, die Bevölkerung zu verunsichern und ihr einzureden, dass der Kreml gar nicht der Feind sei. Der wahre Feind würde im eigenen Land – in den eigenen Regierungen – sitzen. "So kann man einen Staat, den man angreifen will, so beeinflussen, dass der Staat – also vor allem die Bevölkerung – sagt: Naja, eigentlich ist der Gegner doch gar kein Gegner. Wir können ihn über unsere Landesgrenze einladen und uns freiwillig in seine Obhut geben... Dann haben Sie Erfolg, bevor Sie einen einzigen Panzer eingesetzt haben", konstatiert Reisner.

Ein mögliches lohnendes Ziel solcher verdeckter Attacken seien Flughäfen, wovon sehr viele Menschen betroffen wären: "Diese fragen sich dann, ob der Staat sie nicht schützen kann. Russland geht es hier darum, maximale Betroffenheit, Angst und Schrecken zu schaffen."

Das russische Drehbuch besteht laut Reisner aus vier Phasen: Demoralisierung, Destabilisierung, Krise und erst danach eine mögliche militärische Intervention. "Es beginnt mit einer Demoralisierung eines Staates und seiner Bevölkerung. Das kann bis zu zehn Jahre dauern. Dann kommt es zu einer Destabilisierung und das findet alles im Informationsraum statt, über eine Dauer von sechs Monaten bis zu einem Jahr. Darauf folgt eine Krise und wenn das nicht reicht – als letzte Phase – eine militärische Intervention. Diese kann bereits auf dem Hoheitsgebiet des attackierten Staates stattfinden."

Das Beispiel Ukraine zeige, wie sich ein solcher Prozess entwickeln könne: Die Demoralisierung habe 2004 begonnen, erreichte 2014 einen entscheidenden Moment der Destabilisierung, kurz darauf folgte der russische Einmarsch in der Ost-Ukraine und dann, 2022, die Vollinvasion "die – wie wir heute wissen – gescheitert ist".

Ein massiver russischer Einmarsch nach Zentraleuropa hält der Kriegsbeobachter derzeit allerdings für wenig plausibel. "Warum sollte Putin mit einer massiven Truppenzahl nach Zentraleuropa einmarschieren?", fragt Reisner: "Dann würde jeder wissen, dass die Russen es wirklich ernst meinen."

Begrenzte Vorstöße auf NATO-Gebiet will er aber nicht ausschließen. Sie könnten dazu dienen, das Bündnis bloßzustellen und Zweifel an seiner Handlungsfähigkeit zu säen. "Wir sehen bereits, dass Russland in seiner eigenen Doktrin einige Eskalationsstufen nach oben gestiegen ist."

Einer der Beweise dafür kommt aus dem Kreml selbst. Putin-Sprecher Peskow sagte, die "Spezialoperation" habe sich zu einem "regionalen Krieg" ausgeweitet. Einige europäische Länder würden als "direkte Kriegsparteien" betrachtet.

Was bedeutet das für Europa? "Wenn der Krieg weiter eskaliert, können wir davon ausgehen, dass die russischen Angriffe auf kritische Infrastruktur deutlich zunehmen werden, damit die Gesellschaften gelähmt und die Regierungen handlungsunfähig gemacht werden."

{title && {title} } rcp, {title && {title} } Akt. 06.09.2026, 12:42, 06.09.2026, 11:51