Putin-Ansage macht alle nervös

"Damit sie verstehen, in welcher Welt wir leben"

Eine kuriose Orca-Aussage gibt Einblick in den Verstand von Kreml-Kriegstreiber Wladimir Putin. Im Westen wächst die Angst vor neuer Eskalation.
Newsdesk Heute
05.09.2026, 09:00
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Wladimir Putin sorgt mit einem bizarren Vergleich für Aufsehen. Bei einem Treffen mit Mitarbeitern und Studenten an einer Universität in Moskau sagte Russlands Präsident am 29. August, Orcas würden Eisbären fressen. "Das ist die Nahrungskette", betonte Putin. Kinder müssten darüber unterrichtet werden, "damit sie verstehen, in welcher Welt wir leben und warum wir die Spezialoperation durchführen" – so nennt der Kreml den Krieg gegen die Ukraine.

Der Haken: Für die Behauptung, dass ein Orca einen Eisbären gefressen hat, ist kein bekannter Fall angeführt. Doch die Aussage gibt Einblick in ein Denken, das im Westen zunehmend Sorge auslöst. Wie der "Economist" berichtet, wächst in NATO-Staaten die Angst, Putin könne versuchen, aus der festgefahrenen Lage im Krieg durch neue Eskalation auszubrechen.

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Russlands Armee kommt seit Jahren nur schwer voran. Zugleich fordern Kämpfe, Drohnen- und Raketenangriffe hohe Opfer. Die Attacken treffen die Ukraine schwer, richten aber auch in Russland sichtbaren Schaden an. Putin zeigt dennoch keine Bereitschaft, den Krieg zu beenden.

Die Nervosität im Westen ist an mehreren Entwicklungen erkennbar. Am 25. August flog CIA-Direktor John Ratcliffe überraschend nach Moskau. Die Darstellungen über den Zweck der Reise gehen auseinander: Entweder sollte Putin vor Angriffen auf NATO-Staaten gewarnt werden, oder Washington wollte ihm eine düstere Einschätzung der russischen Lage übermitteln und ihn zu Verhandlungen bewegen.

Kurz darauf bat Finnland Schweden um Hilfe bei der Überwachung der Grenze zu Russland – mit Flugzeugen und Kriegsschiffen. Deutschland bereitet sich dem Bericht zufolge darauf vor, Russland offen für einen Drohnenangriff am Flughafen Leipzig am 4. August verantwortlich zu machen. Weitere Sanktionen gelten als wahrscheinlich. Rumänien meldete am 20. August die Zerstörung einer russischen Marinedrohne, die eine Bohrplattform in rumänischen Gewässern ins Visier genommen haben soll. In der Slowakei wurde am 25. August ein Brandanschlag auf eine Drohnenfabrik vereitelt.

"Wir werden nur nach vorne gehen."

Gleichzeitig reagierte Putin auf die immer erfolgreicheren ukrainischen Drohnenangriffe auf russische Ölraffinerien und Logistikzentren. Betroffen waren auch Lager von Wildberries, dem größten Onlinehändler Russlands. In einer Rede am 22. August warf Putin der Ukraine vor, eine "Büchse der Pandora" geöffnet zu haben. Er kündigte "Rückschlag in den empfindlichsten Bereichen eurer Wirtschaft" an.

Noch am selben Tag sprach Putin vor der Kreml-Partei Einiges Russland. Von einem Kriegsende wollte er nichts wissen. "Die Spezialoperation geht weiter: Wir gehen nur vorwärts."

Quellen nahe dem Kreml gehen davon aus, dass Putin nach wochenlangen Überlegungen im Sommer auf Eskalation setzt. Ein langjähriger Weggefährte Putins vermutet, der Kremlchef könne Ratcliffes Moskau-Reise als Zeichen amerikanischer Schwäche gedeutet haben. Ähnlich soll Putin bereits den Besuch von CIA-Chef Bill Burns im November 2021 interpretiert haben, als dieser vor einer Invasion in der Ukraine warnte. Drei Monate später begann Russland den Angriff.

Was genau in Putins Kopf vorgeht, kann niemand wissen. Der "Economist" beschreibt aber ein klares Motiv: Der Machterhalt steht im Zentrum. Für den Kreml wird die Stimmung im eigenen Land zunehmend zum Problem. Ukrainische Drohnenangriffe, Einschränkungen des Internets und die hohe Zahl an Toten lassen das Gefühl eines normalen Alltags bröckeln.

"Der Zar ist nackt"

Das unabhängige Meinungsforschungsinstitut Lewada-Zentrum kommt demnach zu dem Ergebnis, dass 57 Prozent der Russen die Lage als "angespannt" beschreiben. Genannt werden der Krieg, die Opferzahlen, Mobilisierung, Drohnenangriffe und das fehlende Gefühl für eine Zukunft. Auch das Vertrauen in TV-Propaganda sinkt. Junge Menschen posten in sozialen Netzwerken Aufrufe, den Krieg zu beenden. Putins Zustimmungswerte rutschen.

Auch unter den Eliten ist die Stimmung angespannt. Ein Insider sieht das Hauptproblem weniger in der Wirtschaft oder dem ausbleibenden militärischen Erfolg, sondern in der verlorenen Zeit: Fast fünf Jahre Krieg seien unabhängig vom Ausgang ein Scheitern. Ein anderes Mitglied der Elite beschreibt ein wachsendes Gefühl, dass "der Zar nackt" sei.

Putin verfügt weiter über wirtschaftliche Mittel und einen starken Repressionsapparat. Doch Wahrnehmung zählt. Nach der Logik seines Systems darf Schwäche nicht sichtbar werden. Ein Ende des Kriegs ohne zumindest das Mindestziel – die vollständige Einnahme des ostukrainischen Donbas – könnte Putin gefährlich erscheinen. "Sie werden mich aufhängen", soll er laut einem Insider während des Kriegs einmal zu Vertrauten gesagt haben.

Mehr, mehr, mehr

Ein einfaches Weiterführen des Kriegs löst das Problem jedoch nicht. "Trägheitsgetriebene Szenarien sind für den Kreml nachteilig", sagt ein Mitglied der russischen Elite. Sie würden nur Ressourcen verbrauchen und politisches Kapital kosten.

Was eine neue Eskalation konkret bedeuten würde, bleibt offen. Wahrscheinlich ist eine Ausweitung hybrider Kriegsführung und Sabotage gegen Unterstützer der Ukraine. Westliche Geheimdienste fürchten, Russland könne Fabriken in Europa ins Visier nehmen, die Material für die ukrainische Kriegsführung herstellen. Zugleich gehen sie davon aus, dass Putin keine direkte militärische Konfrontation mit der NATO sucht.

In der Ukraine selbst würde Eskalation vor allem heißen: mehr von dem, was Russland bereits tut. Am 30. August erklärte das russische Verteidigungsministerium, einen massiven Angriff auf die ukrainische Energieinfrastruktur vorzubereiten. Die Ukraine erwartet solche Attacken ohnehin als Teil einer Offensive, die ihren Widerstand im Winter brechen soll.

Immer mehr sollen an die Front

Auch am Boden will Putin offenbar weiter Menschen in den Krieg schicken. Russische Quellen sprechen von zusätzlichen 300.000 bis 400.000 Männern. Eine neue offizielle Mobilisierungswelle müsste dafür nicht ausgerufen werden, weil die ursprüngliche Mobilmachung nie aufgehoben wurde. Neue Rekruten könnten über regionalen Druck gewonnen werden, um Unmut lokal zu halten. In der Region Pensa, rund 750 Kilometer südöstlich von Moskau, wird dieses System bereits getestet.

Dazu könnte eine härtere Repression gegen angebliche "innere Feinde" kommen. Nicht, weil diese Putins Macht unmittelbar bedrohen, sondern weil Stärke demonstriert werden soll. Die Probleme Russlands würde das nicht lösen. Wahrscheinlicher sind mehr Leid für die Bevölkerung und wachsende Instabilität – innerhalb und außerhalb des Landes.

{title && {title} } red, {title && {title} } Akt. 05.09.2026, 10:53, 05.09.2026, 09:00