Am Mittwochmorgen eskaliert ein Einsatz im Kiewer Stadtbezirk Dnipro – weniger als zehn Kilometer vom Amtssitz des ukrainischen Präsidenten entfernt – völlig. Auf Aufnahmen einer Überwachungskamera, die von der "Ukrajinska Prawda" veröffentlicht wurden, sind zahlreiche bewaffnete Männer zu sehen – darunter Mitarbeiter des ukrainischen Inlandsgeheimdienstes SBU und des Militärgeheimdienstes HUR.
Als zwei festgenommene Männer in einen Kleinbus gebracht werden sollen, kommt es zunächst zu einem Gerangel. Sekunden später fallen Schüsse. Mehrere Männer gehen zu Boden. Bei der Schießerei werden laut ukrainischen Medien drei HUR-Mitarbeiter verletzt, zwei von ihnen schwer.
Was den offenbar beispiellosen Zusammenstoß zwischen den ukrainischen Sicherheitsbehörden ausgelöst hat, ist bislang nicht endgültig geklärt.
Im Zentrum des Falls steht Stepan Kaplunov, Vizekommandeur des Russischen Freiwilligenkorps RDK. Die Einheit besteht aus russischen Kämpfern, die aufseiten der Ukraine gegen Moskaus Truppen kämpfen und dem ukrainischen Militärgeheimdienst HUR unterstellt sind.
Nach Angaben des RDK wurde Kaplunov bereits am Dienstag "von Unbekannten im Innenhof seines Hauses" verschleppt. Am Mittwoch erklärte der SBU dann, gemeinsam mit dem HUR einen von Moskau gesteuerten Anschlag auf den russischen Oppositionellen verhindert zu haben.
Kaplunovs Anwalt widerspricht dieser Darstellung jedoch deutlich. Seiner Ansicht nach handle es sich um eine "außergerichtliche Inhaftierung", die der SBU im Nachhinein zu rechtfertigen versuche.
Nach Bekanntwerden der Schießerei legte der SBU seine Version der Ereignisse vor. Demnach seien Einsatzkräfte während einer Ermittlungsaktion von zunächst unbekannten Bewaffneten angegriffen worden. Bei dem anschließenden Schusswechsel seien mehrere Angreifer verletzt worden. Erst danach habe sich herausgestellt, dass es sich bei ihnen um Angehörige der ukrainischen Streitkräfte gehandelt habe.
Der SBU schickte daraufhin seine Eliteeinheit "Alpha" zum Einsatzort, um die eigenen Beamten zu unterstützen. Auch Mitarbeiter des ukrainischen Staatlichen Ermittlungsbüros rückten laut "Ukrajinska Prawda" an. Sie sollen schließlich dafür gesorgt haben, dass beide Seiten ihre Waffen entluden. Mehrere Beteiligte wurden festgenommen.
Der Militärgeheimdienst HUR äußerte sich zunächst nicht offiziell zu dem Vorfall.
Präsident Wolodymyr Selenskyj reagierte am Mittwochabend ungewöhnlich scharf. Er bezeichnete die Schießerei als "absolut skandalöse Situation" und forderte den Generalstaatsanwalt auf, lückenlos zu klären, wie es zu dem bewaffneten Zusammenstoß zwischen ukrainischen Sicherheitskräften kommen konnte.
"Hier in der Ukraine darf nur auf russische Besatzer geschossen werden, um die Ukraine zu verteidigen", stellte Selenskyj klar. Der Präsident ordnete interne Untersuchungen bei beiden Geheimdiensten an und kündigte auch "Personalentscheidungen" an.
Eine erste Konsequenz zog Selenskyj bereits selbst: Der Leiter der SBU-Abteilung für den Schutz von Staatsgeheimnissen wurde seines Amtes enthoben. Wie genau die Schießerei ausgelöst wurde und wer zuerst das Feuer eröffnete, ist weiterhin Gegenstand der Ermittlungen.