Markus Reisner warnt Europa

"Künftig werden die Menschen mehr Angst haben"

Oberst Markus Reisner sieht den Ukraine-Krieg in einer gefährlichen Phase: Russland setze auf hybride Angriffe, Kyjiw auf Druck in Russland.
Newsdesk Heute
15.08.2026, 22:00
Hör dir den Artikel an:
00:00 / 02:45
1X
BotTalk
Loading...
Angemeldet als Hier findest du deine letzten Kommentare
Alle Kommentare
Meine Kommentare
Sortieren nach:

Kommentare neu laden
Nach oben

Oberst Markus Reisner zeichnet im Interview mit der "Welt" ein düsteres Bild der aktuellen Lage im Ukraine-Krieg und der Sicherheitslage in Europa. Der Fund einer mutmaßlichen Sprengstoff-Drohne am Flughafen Leipzig überrascht ihn nicht: "Wir sehen eine erwartbare Eskalation im Rahmen der hybriden Kriegsführung."

Dass Drohnen bei mutmaßlichen Aufklärungsflügen den Flugverkehr gestört hatten, kam in den vergangenen Jahren häufiger vor. Doch zum ersten Mal wurde jetzt nachweisbar eine mit Sprengstoff beladene Drohne auf europäischem Boden eingesetzt. "Das ist eine völlig neue Qualität".

"Heute" auf Google als bevorzugte Quelle festlegen

Wer dahintersteht, sei schwer zu beweisen. Reisner hält Russland für den wahrscheinlichsten Profiteur, verweist aber darauf, dass auch andere Szenarien als Analyst mitgedacht werden müssten. Der eigentliche Effekt könne bereits ohne Explosion erreicht worden sein: Verunsicherung, Behördenbindung und politischer Druck.

Erste Schlag wird immer erfolgreich sein

Für Deutschland bedeute das neue Herausforderungen beim Schutz kritischer Infrastruktur. Vollständige Sicherheit hält Reisner für unmöglich: "Das ist eine absolute Illusion. Der erste Schlag wird immer erfolgreich sein." Seine düstere Prognose: "Künftig werden die Menschen mehr Angst haben und über ihre Sicherheit besorgt sein."

Einen offenen russischen Angriff auf ein NATO-Land bewertet Reisner derzeit als unwahrscheinlich: "Ich sehe auch keinen Grund, warum Moskau das tun sollte. Ein solcher offener militärischer Angriff würde die Geschlossenheit der NATO stärken und eine militärische Antwort hervorrufen. Das ist genau das, was Moskau nicht will."

Markus Reisner (*1978) ist Oberst des Generalstabsdienstes im österreichischen Bundesheer. Er leitet seit März 2024 die Offiziersausbildung an der Theresianischen Militärakademie in Wiener Neustadt. Seine persönlichen Forschungsschwerpunkte liegen unter anderem bei der technologischen Entwicklungen in der Kriegsführung. Der breiteren Öffentlichkeit ist er durch seine fortlaufenden Analysen des russischen Kriegs gegen die Ukraine bekannt.
Bundesheer/Kristian Bissuti

Russland habe mehr davon, verdeckt und im Graubereich zu agieren. Seine zugespitzte Einschätzung: "1000 Internet-Trolle sind in unseren Gesellschaften wirkungsvoller als 100.000 schwer bewaffnete Soldaten."

Denkbar seien aus seiner Sicht eher verdeckte Operationen, die etwa Regionen mit russischsprachiger Bevölkerung destabilisieren, politische Spaltung und Unsicherheit auslösen sollen. "Das haben wir bereits auf der Krim und in der Ostukraine gesehen. Auch das ist hybride Kriegsführung. Der Westen würde nur schwerlich eine geschlossene Antwort darauf finden."

Unglaublich brutaler Abnutzungskrieg

An der Front in der Ukraine sieht Reisner eine Pattsituation. Wegen des massiven Drohneneinsatzes sei die sogenannte Todeszone inzwischen rund 50 Kilometer breit. Größere Vorstöße seien kaum noch möglich. "Es gibt nur noch diesen mühsamen, elendigen und unglaublich brutalen Abnutzungskrieg."

Der Krieg werde deshalb immer stärker auf strategischer Ebene eskaliert: Russland versuche, den Krieg nach Europa zu tragen und die Unterstützung für Kyjiw zu schwächen. Zugleich greifen beide Seiten Ziele tief im Gebiet des Gegners an.

Achillesferse der Ukraine

Besonders kritisch sieht Reisner die ukrainische Luftverteidigung. Der Mangel an Patriot-Raketen sei die "Achillesferse der Ukraine". Der Kreml lässt weiter gezielt Energie-Infrastruktur, Wasserversorgung und Lagerhäuser angreifen. "Wenn das so weitergeht, steht der Ukraine der härteste Winter seit Kriegsbeginn bevor."

Ein Lichtblick: Einen Waffenstillstand im Herbst oder Winter hält Reisner für "so groß wie niemals zuvor" seit Kriegsbeginn. Als Gründe nennt er Indizien aus Militärkreisen und dem politischen Druck in den USA. Präsident Donald Trump braucht nach dem selbstverschuldeten Iran-Chaos einen Erfolg vor den Zwischenwahlen zum Kongress.

Auf Dauer eine rote Linie

Deshalb übe das Weiße Haus derzeit "enormen Druck" auf beide Seiten aus. Der Ukraine werden wichtige Patriot-Raketen vorenthalten, gleichzeitig wird sie aber mit Aufklärungsdaten und KI-Werkzeugen versorgt, die die schmerzlichen Angriffe auf russisches Gebiet ermöglichen.

Gerade diese Angriffe auf russische Städte und Raffinerien könnten aus Reisners Sicht gefährlich werden. Seine Warnung lautet: "Das könnte auf Dauer eine rote Linie für Russland sein." Ob Moskau im Extremfall zu Atomwaffen greifen würde, könne niemand sicher wissen. Fest stehe für ihn aber, dass Washington nukleare Drohungen Russlands bereits 2022 ernst genommen habe.

{title && {title} } red, {title && {title} } 15.08.2026, 22:00