Die bisherige Weltordnung gerät nach Ansicht des deutschen Historikers Karl Schlögel grundlegend ins Wanken. Der Osteuropa-Experte sieht nicht nur Russland als Gefahr, sondern auch eine zunehmende Schwäche des Westens. Vor allem Kreml-Chef Wladimir Putin könnte davon profitieren.
In einem Interview mit der "Presse" spricht Schlögel von einer tiefgreifenden Verschiebung der internationalen Machtverhältnisse. Die Zeit einer vermeintlich stabilen Weltordnung sei vorbei. Gleichzeitig sieht er auch die Rolle der USA im Wandel und spricht von einer "Selbstdemontage" der bisherigen westlichen Führungsmacht.
Auch Europa habe die neue Realität noch nicht vollständig angenommen. Zwar würden sich die europäischen Staaten zunehmend fragen, ob bestehende Allianzen noch tragen und ob sie sich selbst verteidigen könnten. Der Abschied von jahrzehntelanger Sicherheit sei jedoch schwierig.
Gleichzeitig werde in mehreren europäischen Staaten darüber diskutiert, wie lange und in welchem Ausmaß die Ukraine finanziell und militärisch unterstützt werden soll. Schlögel sieht darin eine zentrale Frage für Europas weitere Sicherheitspolitik.
Besonders drastisch fällt seine Einschätzung der russischen Kriegsziele aus. Putin führe, so Schlögel, einen "totalen Krieg zur Beseitigung des ukrainischen Staates". Ziel sei es, Verteidigungswillen und Moral der Ukrainer zu brechen und zugleich die europäischen Staaten auseinanderzudividieren.
Der Historiker erwartet zudem eine weitere Eskalation des Kriegs. Russland werde den Kampf aus seiner Sicht fortsetzen, solange der Kreml noch die Möglichkeit sehe, seine Ziele zu erreichen. Entscheidend sei deshalb, ob die Ukraine weiter standhalten könne.
Für Putin arbeite dabei auch die politische Uneinigkeit innerhalb Europas, argumentiert Schlögel. Parteien, die weitere Militär- und Finanzhilfen für die Ukraine ablehnen, könnten aus seiner Sicht das Kalkül des Kremls begünstigen.
Einen detaillierten Masterplan Putins für eine neue Weltordnung sieht Schlögel hingegen nicht. Der russische Präsident handle seiner Einschätzung nach vielmehr opportunistisch und nutze Möglichkeiten, sobald sie sich ergeben.
Seine Warnung formuliert Schlögel deutlich: "Wenn der Westen einknickt, dann wird sich Putin alles nehmen, was er nehmen kann." Russland teste Schwächen aus und versuche, seinen Einfluss auszuweiten, wo Widerstand nachlasse.
Dabei verweist der Historiker auch auf Putins Vorstellung einer sogenannten russischen Welt. "Die russische Welt hat keine Grenzen", sagt Schlögel. Gerade diese Unbestimmtheit mache es aus seiner Sicht schwierig vorherzusagen, wo Moskau künftig versuchen könnte, seinen Einfluss geltend zu machen.
Kritisch blickt Schlögel auch auf die USA. Unter Präsident Donald Trump sieht er die traditionelle Rolle Washingtons als westliche Führungsmacht geschwächt. Trump ist seit Jänner 2025 erneut US-Präsident.
Schlögel warnt allerdings vor einfachen historischen Parallelen. Zwar erinnere manches an Krisenperioden des 20. Jahrhunderts, doch Geschichte liefere keine fertige Anleitung für die Gegenwart. Seine zentrale Botschaft: Die bisherigen Gewissheiten seien verschwunden – und Europa müsse sich darauf einstellen.
Karl Schlögel, Jahrgang 1948, zählt zu den bekanntesten deutschen Osteuropa-Historikern. Er lehrte unter anderem an der Universität Konstanz und an der Viadrina in Frankfurt an der Oder. 2025 wurde ihm der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen.