Seit Wochen kommt die US-Großstadt Minneapolis im Bundesstaat Minnesota nicht zur Ruhe. Hunderte Demonstranten gehen regelmäßig auf die Straße, um gegen willkürliche Personenkontrollen durch staatliche Beamte der Ausländer- und Fremdenpolizei ICE zu protestieren. Dabei setzte ICE wiederholt Tränengas gegen die Demonstranten ein.
Nachdem die Demo-Beobachterin Renée Good von einem ICE-Beamten am 7. Jänner in ihrem Auto mit mehreren Schüssen in den Kopf getötet wurde, strömten noch mehr Menschen zu den Protesten. Nun goss auch ein US-Neonazi weiter Öl ins Feuer, indem er für Samstag, den 17. Jänner zum "Marsch gegen Betrug" aufrief. Mit diesem Marsch wollte er direkt in jene Teile der Stadt ziehen, in denen die meisten somalischen Flüchtlinge leben.
Der durch seine Teilnahme am Kapitolssturm vom 6. Jänner 2021 bekannt gewordene rechtsextreme Aktivist Jake Lang wollte damit die Empörung über den jüngst bekannt gewordenen Skandal um den Missbrauch von Fördergeldern für somalische Vereine in Minnesota in Milliardenhöhe ausnutzen, um Stimmung gegen Ausländer und insbesondere den Islam zu machen. Dass Lang kurz nach seiner Ankunft in der Stadt einen Koran verbrennen wollte, trug nicht unbedingt zur Entspannung der Lage bei.
Dabei ist Lang kein Unbekannter. Auf nun erneut verbreiteten Fotos vom 6. Jänner 2021 ist zu sehen, wie Lang mit einem Baseballschläger und einem gestohlenen Polizeischild beim Sturm auf das Kapitol in Washington D.C. Polizisten attackiert. Für seine Teilnahme am Kapitolssturm wurde Lang zunächst verurteilt, dann aber von US-Präsident Trump begnadigt.
Lang bezog sich dabei auf die in rechten Kreisen beliebte Verschwörungstheorie, "globalistische Eliten" würden gezielt muslimische Ausländer in christlich geprägte, mehrheitlich von Weißen bevölkerte Länder "bringen", damit die "weiße Rasse ausstirbt". Weiters sagte er in seinem Livestream: "Weiße christliche Männer werden nicht tatenlos zusehen, während ihr unsere Kinder in einen Haufen N****-Liebhaber verwandelt". Dazu salutierte er mit dem "Hitlergruß".
Lang versuchte danach bei einer Kundgebung im Zentrum der Stadt mit ein paar Dutzend Anhängern die Gegendemonstranten "aufzuklären": "Ihr werdet ersetzt! Versteht ihr denn nicht, dass ihr ersetzt werdet!“, rief er grinsend in die Menge. Und weiter: "Wir verdienen eine Zukunft für weiße Amerikaner", "Schickt die Somalis zurück". Bald darauf verging ihm jedoch das Lachen.
Die rassistischen Parolen kamen bei den ebenfalls anwesenden antifaschistischen Gegendemonstranten, die sich schön bisher über rassistische Kontrollen durch ICE-Beamte aufgrund ihrer Hautfarbe empörten, nicht gut an. Immer mehr Gegendemonstranten drängten Lang und seine Unterstützer gegen eine Hauswand, wobei Lang weiterhin provokante Parolen durch sein Megafon rief. Aus einer Musikanlage spielte er den Hip-Hop-Hit "Ice, Ice, Baby", in Anspielung auf die Fremdenpolizei ICE.
Schließlich eskalierte die Lage und Lang wurde von einer Reihe von Demonstranten kontinuierlich mit verschiedenen Gegenständen und auch Faustschlägen attackiert. Lang wurde von seinen Unterstützern durch die Menschenmenge hindurch evakuiert, wobei er weitere Schläge einstecken musste. Schließlich flüchtete er in einem roten Sportwagen, wobei er weiterhin attackiert wurde.
Nach der Demo kommentierte Lang auf X, er sei von "verrückten weißen kommunistischen linken Randalierern" mit einem Messer attackiert worden. Er habe jedoch eine "taktische Weste" getragen, die den Stich abgewehrt habe. Beweise für die Behauptung eines Messerangriffs legte er keine vor. In den zahlreichen Videos – auch Lang hatte während seiner Kundgebung einen Livestream laufen – war von einem etwaigen Messerangriff nichts zu erkennen.
Während die Polizei während dieser Vorfälle offenbar keine Notwendigkeit sah, einzuschreiten, gab das US-Verteidigungsministerium bekannt, 1.500 Soldaten für einen etwaigen Einsatz in Minnesota in Alarmbereitschaft versetzt zu haben. Gemäß dem "Insurrection Act" von 1807 ist dem US-Präsidenten der Militäreinsatz im Inland im Falle von Aufständen erlaubt.