Mehr als 700 Bewerbungen und keine einzige Zusage. Eine Wienerin leidet darunter seit einem Jahr.
Die 37-Jährige Lucia (Name der Redaktion bekannt) ist ausgebildet, wie nur wenige: Sie hat einen Doktor- und einen Master-Titel in Verfahrenstechnik (dabei lernt man etwa, wie man aus chemischen Stoffen Medikamente macht), einen Bachelor in Biotechnologie. Dazu spricht sie nahezu perfekt Deutsch, Englisch und Spanisch – das ist ihre Muttersprache, sie stammt aus Südamerika. Sie hat an der TU Wien studiert und bereits mehrere Jahre als Wissenschaftlerin gearbeitet.
Trotzdem findet Lucia sehr lange keinen Job. "In den letzten Monaten habe ich täglich zwei Bewerbungen abgeschickt – aber leider ausschließlich Absagen erhalten", sagt sie verzweifelt. Besonders frustrierend: "Meistens bekomme ich nur automatisierte Antworten, meine Unterlagen sehen sich die Wenigsten auch wirklich an."
Einmal bewarb sie sich bei einem Museum als Wissenschaftlerin. Die Absage sei praktisch sofort in Lucias Postfach aufgetaucht: "Das war innerhalb von Sekunden, das kann ich nicht mehr glauben, das hat sich niemand angesehen."
Dabei ist die mehrfache Akademikerin längst in Österreich angekommen: Seit fünfeinhalb Jahren lebt Lucia hier, hat einen Daueraufenthaltstitel, Familie und eine 10-jährige Tochter. Ihr Mann arbeitet, "das will ich ja auch unbedingt, ich wäre auch bereit zu pendeln – nach Wiener Neustadt, Linz oder Graz zum Beispiel."
Was sie besonders belastet: "Ich will nicht von staatlicher Unterstützung leben. Ich will arbeiten." Selbst auf Jobs unter ihrem Niveau bewirbt sich Lucia mittlerweile, etwa als Labortechnikerin. "Ich verlange ja gar nicht so viel Geld. Ich will hauptsächlich Erfahrung sammeln."
Warum es nicht klappt, kann sie sich nicht erklären. "Vielleicht, weil mein Name ausländisch klingt, oder weil mich viele als überqualifiziert sehen", vermutet sie.
"Ich bin in dieser Situation nicht allein", sagt Lucia. "Während meiner Deutschkurse beim AMS habe ich zahlreiche hochqualifizierte Personen kennengelernt, die sich in einer ähnlichen Situation befinden – darunter auch ein Krebsforscher." Lucia jedenfalls gibt nicht auf, aber, "die Situation ist für mich extrem traurig".