Regimewechsel im Iran?

"Mullahs denken noch immer, sie seien die Auserwählten"

Die Angriffe im Irankrieg destabilisieren die gesamte Golfregion. Die Angst vor einem Flächenbrand ist groß.
Newsdesk Heute
02.03.2026, 19:30
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Drei Tage nach Beginn seines ersten umfassenden Angriffskriegs hat US-Präsident Donald Trump weitere Schritte im Iran angedeutet. "Wir haben noch nicht einmal angefangen, sie richtig anzugreifen. Die große Welle kommt bald." Auch ein Einsatz von Bodentruppen sei "falls nötig" möglich, drohte der Präsident gegenüber amerikanischen Medien.

Der Konflikt droht aber die gesamte Region ins Wanken zu bringen.

"Dieses iranische Regime befindet sich im Überlebenskampf und die Strategie ist, die Schmerzgrenze in der ganzen Region nach oben zu treiben", mahnt Nahost-Korrespondent Karim El-Gawhary. Die gesamte arabische Welt habe deshalb "Angst vor totaler Instabilität".

Militärisch kann der Iran gegen die USA, Israel und mehrere Golfstaaten keinen Mehrfrontenkrieg führen. Doch gezielte Nadelstiche reichen schon, um wirtschaftlich großen Schaden anzurichten. "Das kann innerhalb von zwei Wochen sehr teuer werden und bedroht ihr gesamtes Geschäftsmodell", sagt auch Terrorismusexperte Peter Neumann vom Londoner King's College gegenüber ntv.de.

Weil die Golfstaaten gute Beziehungen zu US-Präsident Donald Trump haben, könnten sie sich direkt ans Weiße Haus wenden und darum bitten, die Angriffe auf das Mullah-Regime zu stoppen. Das könnte das Kalkül Teherans hinter seinen Angriffen sein. Es ist daher zu erwarten, dass der Iran diese Taktik weiterverfolgt.

Ob das Regime in Teheran durch andauernde Luftschläge wirklich geschwächt werden kann, bleibt fraglich. Die Tötung des geistigen Führers Ajatollah Ali Chamenei und weiterer Spitzen wie dem Generalstabschef und dem Oberkommandeur der Revolutionsgarden hinterlässt zwar Spuren. Doch das System ist nicht auf Einzelne aufgebaut.

"Für jedes Mitglied der Führung sind drei Stellvertreter oder mögliche Nachfolger bestimmt", erklärt Neumann. Die Mullahs haben in fast fünf Jahrzehnten ein eng verflochtenes Netz aus politischen und wirtschaftlichen Interessen geschaffen, das von außen kaum zu erschüttern ist. Eine Spaltung sei derzeit nicht zu erkennen.

Farhad Payar ist Journalist und Schauspieler. Er warnt, dass die Tötung Chameneis wenig Veränderung bringen wird.
APA-Images / dpa / Monika Skolimowska

Chamenei-Nachfolger fast fix

Wie sehr das Regime auf seine eigene Unantastbarkeit vertraut, zeigt sich daran, dass es jahrzehntelang den "großen Vernichtungskrieg" gegen Israel vorbereitete, ohne damit zu rechnen, dass Israel sich wehren könnte. "Im Iran gibt es keine Alarmsirenen, es gibt keine Bunker oder Schutzräume", sagt der israelische Iranexperte Beni Sabti vom Institute for National Security Studies (INSS). "Die Bevölkerung ist Luftangriffen schutzlos ausgeliefert. Die Mullahs hingegen dachten und denken noch immer, sie seien die Auserwählten."

Auch der vorläufige Führungsrat, der bis zur Ernennung eines Nachfolgers Chameneis die Regierungsgeschäfte übernimmt, besteht aus Hardlinern. Ajatollah Alireza Arafi, am Sonntag in den Rat berufen, werden von vielen Iranexperten gute Chancen auf die Nachfolge Chameneis eingeräumt. Eine Öffnung des Landes in Richtung Demokratie und Menschenrechte wäre damit praktisch ausgeschlossen. Arafi als neuer Oberster Führer würde einen Führungswechsel, aber keinen Regimewechsel bedeuten.

Ob die Revolutionsgarden, das Rückgrat des Regimes, ins Wanken geraten könnten, ist ebenfalls fraglich. "Das Machtsystem im Iran hat eine mafiöse Struktur, die auf mehreren Clans beruht", sagt der Iranexperte und Journalist Farhad Payar. Auch innerhalb der Revolutionsgarden, der mächtigsten Institution des Landes, ist die Macht auf verschiedene Gruppen verteilt. "Auch wenn Chamenei als Oberbefehlshaber nun nicht mehr da ist, werden die Gardisten weiter ihren Vorschriften und Vorgesetzten dienen", meint Payar. "Die meisten dieser Kommandeure wurden von Chamenei und seinem Umfeld eingesetzt. Es sind Hardliner, die nicht so leicht aufgeben."

Die über 100.000 Soldaten der Revolutionsgarden leben kaserniert, während mehrere Hunderttausend Reservisten ein normales Leben führen. Dazu kommt die Freiwilligenmiliz der "Basidschis", die als Schlägertrupps bei Protesten brutal eingreifen. Die Revolutionsgarden lassen sich also nicht einfach durch Luftangriffe auf Kasernen oder Waffenlager ausschalten.

Die zivile Bevölkerung ist durchsetzt von Anhängern des Regimes. Payar schätzt, dass rund zehn Prozent der Iraner das System unterstützen. Das sind mehrere Millionen Menschen, die bewaffnet sind und für das System in Teheran kämpfen würden. Proteste bleiben also riskant. "Solange die Menschen aber nicht in Massen auf die Straße gehen und die Macht an sich reißen, wichtige Stellen übernehmen, findet kein Regimewechsel statt".

Wie in der DDR

Auch auf Geheimdienstebene ist das System fest verankert. "Die Nachrichtendienste haben in allen Ämtern und Institutionen Vertreter. In Schulen, Theaterhäusern, Konzertsälen gibt es Aufpasser, ähnlich wie das Ministerium für Staatssicherheit in der DDR seine Spitzel verteilt hatte", sagt Payar.

Diese Strukturen werden durch Luftschläge allein nicht zerstört. "Dieses ideologisch konstruierte System hat eine Eigendynamik. Solange seine Anhänger noch immer gewaltbereit, bewaffnet und ausreichend zahlreich sind, bleibt Protest im Iran lebensgefährlich", warnt er.

Schwierig ist die Lage auch, weil die Opposition im Iran zersplittert ist. Die zwei großen Gruppen, Mudschaheddin und Atheisten, beanspruchen jeweils die ganze Macht für sich. Kleinere Gruppen wie ethnische Minderheiten, Linke oder Liberale werden nicht akzeptiert. So kann sich keine breite Führung entwickeln, hinter der sich die Bevölkerung sammeln könnte.

"Noch ist die ganze Situation sehr wacklig", sagt Sabti. Es sei "zu früh, um schon über weitere Möglichkeiten zu sprechen". Ein echter Massenprotest würde erst nach einem Waffenstillstand wieder aufflammen. Um für die Abschaffung des Regimes zu kämpfen, müssten sich die Protestierenden den gewaltbereiten Mördern des Regimes ausliefern. Ob die Iraner diese Kraft aufbringen, kann derzeit niemand sagen.

"In jedem Fall müssen sehr schnell Lösungen gefunden werden für die wirtschaftlichen und politischen Probleme des Landes", fordert Payar. Das Gesundheitssystem ist zusammengebrochen, die Infrastruktur beschädigt, schon Monate zuvor war Teheran praktisch ohne Trinkwasser. Wer auch immer die Macht übernimmt, muss rasch handeln.

"Politische Freiheiten sind wichtig. Aber den Menschen im Iran geht es derzeit nicht zuvorderst um Demokratie. Es geht darum, dem Hunger zu entrinnen."

{title && {title} } red, {title && {title} } 02.03.2026, 19:30
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