Der nächste Mega-Börsengang steht bevor: Der US-Konzern Anthropic, einer der größten Konkurrenten von ChatGPT-Erfinder OpenAI, hat am Montag seine Börsenpläne offiziell gemacht. Das Unternehmen hinter dem KI-Programm Claude veröffentlichte die Unterlagen für seinen geplanten Börsengang in den USA.
Die darin enthaltenen Zahlen sorgen für Aufsehen: Explodierende Umsätze treffen auf gigantische Verluste und Investitionen in bisher kaum vorstellbarer Höhe.
Schon Ende Oktober könnte Anthropic an der US-Technologiebörse Nasdaq starten. Die Aktie soll unter dem Kürzel "ANT" gehandelt werden. Wie viele Aktien ausgegeben werden und zu welchem Preis, ist allerdings noch offen.
An der Wall Street wird bereits über eine astronomische Bewertung spekuliert. Investoren taxieren Anthropic derzeit auf rund 1,5 Billionen Dollar. Das sind umgerechnet rund 1.500 Milliarden Dollar. Noch vor einer Woche war sogar von zwei Billionen Dollar die Rede.
Zum Vergleich: Bei einer Finanzierungsrunde im Mai wurde das Unternehmen noch mit 965 Milliarden Dollar bewertet.
Der Börsengang könnte damit zu einem der wichtigsten Ereignisse in der Geschichte der KI-Branche werden. Er gilt als entscheidender Test dafür, wie viel Investoren tatsächlich bereit sind, für die Zukunft der künstlichen Intelligenz zu bezahlen.
Die Geschäftszahlen zeigen, warum Anthropic so viel Aufmerksamkeit bekommt. Allein im ersten Halbjahr 2026 erwirtschaftete das Unternehmen einen Umsatz von 16,3 Milliarden Dollar. Besonders spektakulär: Im zweiten Quartal stiegen die Einnahmen gegenüber dem Vorjahreszeitraum um unglaubliche 1.368 Prozent.
Dabei ist Anthropic erst fünf Jahre alt. 2023 lag der Jahresumsatz noch bei bescheidenen 41 Millionen Dollar, 2024 waren es 386 Millionen. Im vergangenen Jahr setzte das Unternehmen bereits 4,59 Milliarden Dollar um.
Der Erfolg hängt vor allem mit Geschäftskunden zusammen. Mehr als die Hälfte der 500 umsatzstärksten US-Unternehmen und über 30 Prozent der weltweit 2.000 größten börsennotierten Konzerne zählen mittlerweile zu den größeren Kunden von Anthropic. Sie brachten dem Unternehmen innerhalb eines Jahres jeweils mindestens 100.000 Dollar Umsatz.
Doch das rasante Wachstum hat eine gewaltige Kehrseite. Im ersten Halbjahr 2026 verbuchte Anthropic einen Nettoverlust von 80,7 Milliarden Dollar.
Ein wesentlicher Grund dafür war allerdings die Neubewertung von Anleihen, die später in Unternehmensaktien umgewandelt werden können. Der operative Verlust lag im selben Zeitraum bei deutlich geringeren 693 Millionen Dollar.
Trotzdem verschlingt das KI-Geschäft enorme Summen. Allein für Rechenleistung und Infrastruktur hat Anthropic mit sechs Partnern Ausgaben von mehr als 500 Milliarden Dollar über einen Zeitraum von zehn Jahren vereinbart.
Davon entfallen mindestens 110 Milliarden Dollar auf Amazon, rund 114,5 Milliarden auf Google und weitere 44,9 Milliarden auf Microsoft.
Brisant: Amazon und Google gehören gleichzeitig zu den größten Geldgebern des Unternehmens. Kritiker warnen schon länger vor einem gefährlichen Kreislauf, bei dem Technologiekonzerne Milliarden in KI-Firmen investieren, die dieses Geld wiederum für deren Rechenzentren ausgeben.
An der Börse wächst deshalb die Nervosität. Investoren stellen zunehmend infrage, ob sich die gewaltigen Ausgaben für Rechenzentren, Computerchips und künstliche Intelligenz jemals ausreichend rechnen werden.
Thomas Hayes, Chef der Investmentgesellschaft Great Hill Capital, hält eine Bewertung von 1,5 Billionen Dollar angesichts der Verluste für äußerst ambitioniert. Wer beim Börsengang einsteige, müsse vor allem darauf vertrauen, dass sich die enormen Investitionen irgendwann auszahlen.
Auch Josh Stevens von Cresalta Investment Management zeigt sich zurückhaltend. Zwar sei Anthropic technologisch spannend, ein sofortiger Aktienkauf zum Börsenstart komme für ihn aber nicht infrage. Selbst Aktien hervorragender Unternehmen könnten später zu deutlich günstigeren Kursen erhältlich sein.
Andere Experten sehen den Börsengang dagegen als wichtige Chance. Anthropic könnte sich dadurch frisches Kapital sichern, um im milliardenschweren Wettlauf um die leistungsfähigste KI mitzuhalten.
Für zusätzliche Brisanz sorgen die Risiken, die Anthropic selbst in seinen Börsenunterlagen beschreibt.
Das Unternehmen warnt davor, dass fortschrittliche KI-Systeme Verhaltensweisen entwickeln könnten, die auf Selbsterhaltung ausgerichtet sind. In kontrollierten Tests wurden unter anderem Sabotage von Programmcode, Unterstützung bei Betrug und Verhaltensweisen beobachtet, die einer Erpressung ähneln.
Anthropic räumt zudem ein, dass die eigenen KI-Modelle durch den verstärkten Einsatz künstlicher Intelligenz in der Forschung womöglich schneller leistungsfähiger werden, als entsprechende Sicherheitsmaßnahmen entwickelt werden können.
Dabei wurde das Unternehmen 2021 von ehemaligen OpenAI-Forschern rund um die Geschwister Dario und Daniela Amodei gegründet, die sich ausdrücklich einer verantwortungsvollen KI-Entwicklung verschrieben haben.
Mit dem geplanten Börsengang verschärft sich auch der Konkurrenzkampf mit OpenAI. Der ChatGPT-Entwickler hat bereits im Juni vertrauliche Börsenunterlagen eingereicht und könnte Anfang 2027 an die Börse gehen.
Anthropic will seinem Rivalen nun zuvorkommen. Für den Börsengang wurden unter anderem die Investmentbanken Goldman Sachs und Morgan Stanley engagiert.
An der Wall Street sorgte die Veröffentlichung der Börsenunterlagen am Montag bereits für positive Stimmung. Die wichtigsten US-Aktienindizes starteten mit Kursgewinnen in den Handel.
Für Anthropic geht es dabei um weit mehr als einen erfolgreichen Börsenstart. Der Konzern muss beweisen, dass aus dem explosionsartigen Wachstum eines Tages auch nachhaltige Gewinne werden. Und für die gesamte KI-Branche steht eine Billionen-Dollar-Frage im Raum: Ist künstliche Intelligenz tatsächlich das Geschäft der Zukunft oder bezahlen Investoren gerade einen astronomischen Preis für ein Versprechen?