"Klimaschutz wird oft mit Verzicht gleichgesetzt"

Klimawissenschaftlerin Dr. Renate Christ im Interview mit der Tageszeitung "Heute“ in der Redaktion im 1. Bezirk.
Klimawissenschaftlerin Dr. Renate Christ im Interview mit der Tageszeitung "Heute“ in der Redaktion im 1. Bezirk.Sabine Hertel / Tageszeitung "Heute"
Die langjährige Leiterin des Sekretariats des Weltklimarats, Renate Christ, hat genug von kleinen Korrekturen und fordert eine große Transformation.

Zehn Jahre lang leitete Dr. Renate Christ das Sekretariat des Weltklimarats (Intergovernmental Panel on Climate Change - IPCC). Als österreichische Delegierte nahm sie an den Verhandlungen für die Klimarahmenkonvention teil und als Mitarbeiterin der Europäischen Kommission war sie maßgeblich an den Verhandlungen für das Kyoto Protokoll beteiligt.

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Sie war auch einige Jahre beim Umweltprogramm der Vereinten Nationen in Nairobi beschäftigt, wo sie gemeinsam mit der Global Environment Facility eine Reihe von Klimaschutzprojekten entwickelte.

Dr. Renate Christ ist Mitglied der Heute For Future-Award-Jury. Im „Heute“-Interview kritisiert sie, dass nach wie vor der Status Quo des fossilen Zeitalters zementiert werde und fordert ein radikales Umdenken im Klimaschutz.

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Anhaltende Trockenheit in Österreich, Waldbrände bereits im März, wir sind mittendrin in der Klimakrise. Frau Dr. Christ auf was müssen wir uns hier in Österreich noch gefasst machen?

Neben Trockenheit müssen wir uns auf häufigere Starkniederschlagsereignisse mit lokalen und regionalen Überflutungen einstellen. Kurz gesagt, es wird Perioden mit zu wenig und Perioden mit zu viel Wasser geben. Die Gletscher werden weiter abschmelzen und das wird, gemeinsam mit den geänderten Niederschlagsverhältnissen, zu Änderungen im Abflussverhalten der Flüsse führen.

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Das wiederum hat Auswirkungen auf Wasserhaushalt, Bodenfeuchte und Wasserkraftwerke. Die Schneelage in tiefer liegenden Wintersportgebieten wird immer unzuverlässiger. Häufigere Hitzeperioden werden zu mehr hitzebedingten Krankheits- und Todesfällen führen, vor allem in den Städten.

Dazu kommen klimabedingte Veränderungen in Ökosystemen, Land- und Forstwirtschaft. Rechtzeitige Anpassungsmaßnahmen können einige dieser Auswirkungen vermindern, aber nicht alle und umso weniger je stärker der Temperaturanstieg sein wird.

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Klimawissenschaftlerin Dr. Renate Christ im Interview mit der Tageszeitung "Heute“ in der Redaktion im 1. Bezirk.
Klimawissenschaftlerin Dr. Renate Christ im Interview mit der Tageszeitung "Heute“ in der Redaktion im 1. Bezirk.Sabine Hertel / Tageszeitung "Heute"

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Die Ukraine-Krise zeigt uns schmerzhaft unsere Abhängigkeit von fossilen Energieträgern auf. Wie können wir hier rasch umsteigen? Welche Alternativen gibt es?

Ohne weitere Verzögerung das tun, was seit Jahrzehnten nötig gewesen wäre, nämlich den Ausbau erneuerbarer Energieträger für Strom und Wärme voranzutreiben. Genehmigte und genehmigungsreife Projekte, auch Großprojekte wie erneuerbare Wärmeversorgung für Wien, sollten unverzüglich umgesetzt werden und die weiteren Planungen beschleunigt werden.

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Dabei sollten alle verfügbaren Möglichkeiten der Energiegewinnung ausgeschöpft werden - Wind, Sonne, Bioenergie und Wasserkraft. Außerdem sollten wir uns an das gute alte Energiesparen wieder erinnern, denn jede nicht benötigte Kilowattstunde, jeder nicht benötigte Kubikmeter Gas oder Liter Benzin befreit uns aus Abhängigkeit, schont das Geldbörsel und bringt uns den Klimazielen näher.

Eine kurzfristig sehr wirksame Maßnahme wäre ein massiv verbessertes Angebot an öffentlichen Verkehrsmitteln, vor allem für Pendler.

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Warum geht beim Klimaschutz so wenig weiter?

In 30 Jahren – seit es die UNO Klimarahmenkonvention gibt – ist die Notwendigkeit zum Handeln noch immer nicht ganz bei Entscheidungsträgern und der Bevölkerung angekommen. Klimaschutz ist ein Thema wenn es irgendwo extreme Wetterereignisse gibt. Aber es gibt nur zaghafte Anreize zu klimafreundlichen Maßnahmen und wenig großräumige Konzepte, die einen Umstieg auf umweltfreundliches Verhalten erleichtern und in der Emissionsbilanz einen Unterschied machen. Pilotprojekte und Modellregionen sind nicht mehr genug.

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Auch die rechtlichen Rahmenbedingungen, die Investitionen in veraltete fossile Technologien verhindern sollen, sind zu fragmentiert oder kommen zu spät. Im Großen und Ganzen wird nach wie vor der Status Quo des fossilen Zeitalters zementiert.

Klimawissenschaftlerin Dr. Renate Christ im Interview mit der Tageszeitung "Heute“ in der Redaktion im 1. Bezirk.
Klimawissenschaftlerin Dr. Renate Christ im Interview mit der Tageszeitung "Heute“ in der Redaktion im 1. Bezirk.Sabine Hertel / Tageszeitung "Heute"

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Woran scheitert's? Wer blockiert?

Noch immer fließen massive Fördermittel in fossile Anwendungen und konterkarieren Umweltmaßnahmen und die Umweltförderung ist oft wenig treffsicher. Braucht jemand, der sich ein 60.000-Euro-Auto kaufen kann, wirklich eine Förderung? Gäbe es nicht effizientere Methoden, um zu einer umweltfreundlichen Mobilität zu gelangen? Andrerseits kann Heizungstausch und Sanierung für viele zum finanziellen Problem werden und sollte daher gezielt und sozial gestaffelt unterstützt werden.

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Oft wird Klimaschutz mit Katastrophe und Verzicht gleichgesetzt und die positiven Aspekte einer klimafreundlichen Zukunft werden nicht bedacht. Vielerorts herrscht auch eine Abwehrhaltung gegen neue Technologien und es gibt mehr Diskussionen, warum etwas nicht geht, als über eine Lösung.

Vielleicht sollten wir andere Narrative, neue Visionen zulassen – eine Verkehrsinfrastruktur, die mir die Freiheit bietet, ohne Auto bequem von A nach B zu gelangen, Qualität statt Schnäppchenjagd, gesundes Essen statt Fast Food, Stadt der kurzen Wege, grün vor meiner Haustür, keine Sorgen wegen der Strom- und Gasrechnung, und das Windrad am Horizont schaut doch eigentlich ganz gut aus.

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Welche drei Klimaschutzmaßnahmen sollten sofort umgesetzt werden?

1. Einen erneuerbaren Strom- und Wärmeausbauplan mit klaren, rechtlich verbindlichen Zielen und einem innovativen, sozial verträglichen Finanzierungssystem.

2. Massive Investitionen in den öffentlichen Verkehr, mit flexiblen Angeboten auch für weniger dicht besiedelte Regionen und ein früheres Ende von Verbrennungsmotoren.

3. Wirksame Schritte, um Zersiedelung und Bodenverbrauch zu stoppen, mit entsprechenden zielgerichteten Änderungen bei Flächenwidmung, Wohnbauförderung, Pendlerpauschale etc.

Vielen lieben Dank für das Gespräch!

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