Nach dem schweren Zugunglück in Spanien mit zahlreichen Todesopfern werden erste Fragen zur Ursache laut. Zwei Hochgeschwindigkeitszüge sind am Mittwochvormittag (28. Oktober) nahe Toledo zusammengestoßen.
Während die Rettungskräfte noch im Einsatz sind, meldet die Regionalregierung von Kastilien-La Mancha mindestens 30 Tote. Die endgültige Opferzahl steht allerdings noch nicht fest.
Rafael Escudero, Generalsekretär der spanischen Eisenbahngewerkschaft Sindicato Ferroviario, äußert sich auffallend kritisch zu den Umständen des Unglücks. In einem Interview mit dem Fernsehsender Antena 3 bezeichnet er den Zusammenstoß als "sehr seltsam".
Escudero verweist darauf, dass sich die Katastrophe auf einem Streckenabschnitt ereignete, auf dem Züge normalerweise durch technische Systeme überwacht werden.
Im Bereich des Bahnhofs Urda gibt es demnach keinen regulären Fahrgaststopp. Der Zugverkehr werde in Echtzeit kontrolliert, die Fahrzeuge verfügten über Informationen zum Zustand der Strecke.
Befinde sich ein Hindernis auf den Gleisen – etwa ein anderer Zug –, müsse das System entsprechend reagieren und eine Kollision verhindern, erläutert der Gewerkschafter. Dass es dennoch zu einem Auffahrunfall kam, wirft für ihn erhebliche Fragen auf. Was genau versagt hat, ist bislang nicht abschließend geklärt.
Besonders brisant: Escudero erklärt, seine Gewerkschaft verlange schon länger eine umfassende Überprüfung der Bahnverbindung zwischen Madrid und Sevilla. Bereits nach dem früheren Zugunglück von Adamuz habe man darauf hingewiesen, dass diese Strecke besondere Aufmerksamkeit benötige.
Die Gewerkschaft vermute mögliche Mängel an der Infrastruktur. Nach ihrer Einschätzung entspreche der Zustand der Strecke nicht den Investitionen, die in ihre Erneuerung geflossen seien. Ob solche möglichen Defizite tatsächlich etwas mit dem jetzigen Unfall zu tun haben, ist allerdings offen.
Escudero mahnt selbst zur Vorsicht bei der Suche nach der Ursache. Vor einer endgültigen Bewertung müssten die Ermittlungen abgewartet werden.
Der Zusammenstoß ereignete sich nach Angaben der Rettungsdienste um 8.54 Uhr nahe Urda in der Provinz Toledo.
Nach ersten Informationen soll ein Hochgeschwindigkeitszug der spanischen Bahngesellschaft Renfe auf einen Zug des privaten Anbieters Iryo aufgefahren sein. Zwei Waggons des Iryo-Zuges entgleisten und stürzten einen Abhang hinunter.
Nach Informationen der spanischen Zeitung "El País" prüfen die Ermittler unter anderem einen möglichen Fehler bei der Steuerung des Zugverkehrs. Demnach könnte es zuvor eine Störung eines Sicherheitssystems gegeben haben. Mehrere Züge seien angehalten worden, ehe die Weiterfahrt wieder freigegeben worden sei.
Im Raum steht der Verdacht, dass einem Renfe-Zug die Weiterfahrt erlaubt wurde, obwohl der andere Zug noch die Strecke blockierte. Diese Darstellung beruht auf ersten Erkenntnissen und ist noch kein abschließendes Untersuchungsergebnis. Ob tatsächlich ein menschlicher Fehler oder eine technische Störung die Kollision ausgelöst hat, muss geklärt werden.
Auch das Ausmaß der Katastrophe lässt sich derzeit noch nicht endgültig beziffern. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete am Mittwoch um 11.32 Uhr unter Berufung auf die Regionalregierung von Kastilien-La Mancha von 30 Todesopfern.
Auch spanische Regierungsquellen sprechen inzwischen von mindestens 30 Toten. Die Bergung der Opfer war zu diesem Zeitpunkt noch nicht abgeschlossen. Damit handelt es sich um eine vorläufige Zahl, die im weiteren Verlauf noch steigen könnte.
Nach den bisherigen Angaben befanden sich insgesamt 544 Reisende an Bord der beiden Züge, darunter auch ein Baby. Wie viele Menschen verletzt wurden, steht anhand der vorliegenden Informationen noch nicht abschließend fest.
Nach dem Unglück wurde der Hochgeschwindigkeitsverkehr zwischen Madrid, Ciudad Real und Andalusien unterbrochen.
Die Regionalregierung aktivierte ihren Katastrophenschutzplan. Feuerwehr, Rettungsdienste, Polizei und weitere Einsatzkräfte wurden zur Unfallstelle entsandt. Auch die militärische Notfalleinheit UME wurde angefordert. Wann die betroffene Strecke wieder freigegeben werden kann, ist noch offen.
Für Gewerkschafter Escudero steht unterdessen vor allem eine Frage im Mittelpunkt: Wie konnten zwei Züge auf einer überwachten Hochgeschwindigkeitsstrecke überhaupt zusammenstoßen?