Ukraine

Kopfschuss, Tritte in Grube – so entkam Zivilist dem To

Russen schossen einem ukrainischen Zivilisten in den Kopf und verscharrten ihn in der Erde. Doch der Mann überlebte. Nun erzählt er seine Geschichte. 
Nikolaus Pichler
18.05.2022, 09:20

"Es ist, als wäre ich auferstanden", sagt Mykola Kulitschenko (33) über die wohl schlimmste Erfahrung seines Lebens: Nachdem er und seine Brüder von russischen Truppen gefangen und über Tage gefoltert wurden, schossen ihm die Soldaten in den Kopf und verscharrten ihn in einer Grube. Doch er überlebte und konnte sich aus seinem Grab befreien. Gegenüber CNN erzählte er seine Geschichte.

Bis am 18. März war die Familie Kulitschenko vom Krieg nicht allzu stark betroffen, obwohl das Dorf in der Region von Tschernihiw, in dem sie lebte, von russischen Truppen besetzt war. Doch als ein russischer Konvoi in der Nähe bombardiert wurde, schwärmten die Besatzer aus, um mögliche Mitschuldige zu finden, und kamen auch zum Holzhaus, wo Mykola Kulitschenko mit seiner Schwester Iryna und den Brüdern Ewgeni (30) und Dmitri (36) lebte.

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Wegen Armee-Gegenständen exekutiert

Die Soldaten, erzählt der 33-Jährige, zwangen die Brüder – Iryna war nicht zuhause – vor dem Haus niederzuknien, bevor sie das Gebäude durchsuchten. Dann wurden die Russen fündig: Als sie auf alte Orden des Grossvaters stiessen und zudem eine Armee-Tasche entdeckten, die dem ehemaligen Fallschirmjäger Ewgeni gehörte, waren sie überzeugt, dass die Brüder etwas zu verstecken hatten. Sie fuhren die drei zu einem Gebäude, wo sie während drei Tagen in einem Keller "befragt" wurden. "Sie schlugen mich am ganzen Körper mit einer Metallrute und steckten mir den Lauf einer Waffe in den Mund", so Mykola. Er und seine Brüder seien jeweils bis zur Bewusstlosigkeit gequält worden.

Am vierten Tag habe die Stimmung umgeschlagen. Die Soldaten hätten sie gefesselt und ihnen die Augen verbunden und sie dann zu einem abgelegenen Landstück gebracht, wo sie sich hinknien mussten, während eine Grube ausgehoben wurde. "Dann hörte ich einen Schuss und fühlte, wie Dmitri, der älteste Bruder, neben mir zusammensackte. Dann geschah das selbe mit Ewgeni. Ich dachte, nun bin ich der nächste", berichtet Mykola. Eine Kugel traf dann ihn und durchschlug seine Wange, bevor sie neben seinem Ohr wieder austrat. Er wusste, dass er nur eine Chance hatte, wenn er sich tot stellte.

Gefesselt aus der Grube befreit

Die Soldaten beförderten die drei Körper mit Tritten in die Grube und bedeckten sie mit Erde. Dann zogen sie ab. «Ich weiss nicht, wie lange ich dort lag», erzählt Mykola. Schließlich habe er sich trotz gefesselter Arme und Beine unter der Leiche seines Bruders hervorwinden und aus dem Grab befreien können. Irgendwie schaffte er es, sich über die Felder zu einem nahen Bauernhof zu schleppen, wo sich eine Frau um ihn kümmerte. Am Tag darauf kehrte er nach Hause zurück, wo seine Schwester voller Angst wartete. "Ich fragte: 'Wo sind die anderen?', und Mykola antwortete: "Es gibt keine anderen mehr'", erzählt Iryna gegenüber CNN.

Mykola betrachtet es als ein Wunder, dass er noch am Leben ist. "Ich hatte riesiges Glück. Nun muss ich damit weiterleben, und ich möchte, dass die ganze Welt die Geschichte hört, denn diese Dinge geschehen hier immer wieder." Sein Gesicht ist noch von der Narbe durch den Kopfschuss gezeichnet.

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Nach dem Abzug der Truppen aus der Region Tschernihiw im April konnte er schliesslich zur Grube zurückkehren, aus der es nur er lebend geschafft hatte, und mit Hilfe von anderen seine toten Brüder bergen. Mit einer Zeremonie wurden sie fast einen Monat nach ihrem Tod in Würde begraben. Die ukrainischen Behörden bestätigen seine Geschichte – es ist nur eine von mutmasslich tausenden Fällen von Kriegsverbrechen.