Aufregung auf Instagram

"Kündige sehr schnell" – Anne Wünsche hat die Nase voll

Anne Wünsche spricht in einem Interview über ihren Führungsstil, harte Entscheidungen und warum sie sich von großen Teilen ihres Teams trennen musste.
André Wilding
18.03.2026, 10:36
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"Ich kündige sehr schnell" – mit dieser Aussage sorgte Anne Wünsche auf Instagram für Aufsehen. Jetzt spricht die Unternehmerin offen wie nie über ihre Erfahrungen als Chefin. Im exklusiven Interview gibt sie ehrliche Einblicke in ihren Führungsstil, spricht über schwierige Entscheidungen, enttäuschende Erlebnisse mit Mitarbeitenden und klare Konsequenzen bei Vertrauensbruch. Sie erklärt, warum sie sich von einem großen Teil ihres Teams trennen musste, welche Fehler sie selbst gemacht hat – und was sie heute anders sieht. Zwischen Benefits wie Gehaltssprüngen, Provisionen und Luxusreisen auf der einen Seite – und Fällen von Diebstahl sowie fehlender Leistungsbereitschaft auf der anderen – zeichnet Anne Wünsche ein schonungslos ehrliches Bild vom Alltag als Unternehmerin

Wie würdest du dich als Chefin beschreiben – streng, fair oder kompromisslos?

Wenn ich ehrlich bin, war ich als Chefin lange Zeit eher zu lieb und genau das wird oft ausgenutzt. Wenn du zu freundlich bist, wirst du schnell mehr als Freundin wahrgenommen als als Führungskraft. So zumindest meine Erfahrung aus den letzten Jahren mit eigenen Mitarbeitern. Mir war es immer wichtig, dass mein Team gerne zur Arbeit kommt, sich wohlfühlt und eine positive Stimmung herrscht. Dass alle zufrieden sind und ihren Job wirklich gern machen. Heute sehe ich das differenzierter. Denn dabei wird oft vergessen: Auch ein Chef ist nur ein Mensch – einer, der hart für diese Position gearbeitet hat. Viele von uns Selbstständigen haben Nächte durchgearbeitet, Risiken getragen und viel investiert, um sich einen Traum aufzubauen. Wir schaffen Arbeitsplätze, die wir aus eigener Kraft finanzieren.

Wie viele Leute arbeiten aktuell für dich – und wächst dein Team weiter?

Wir waren zeitweise bei rund 20, teilweise sogar über 20 Mitarbeitenden. Vor kurzem musste ich jedoch einige schwierige Entscheidungen treffen und mich von einem Teil des Teams trennen. Aktuell sind wir wieder deutlich kleiner aufgestellt und bestehen aus etwa 10 Mitarbeitenden.

Nach welchen Kriterien stellst du neue Mitarbeiter ein?

Herkunft, Aussehen oder ähnliche Faktoren spielen für mich keine Rolle. Entscheidend ist allein, ob jemand fachlich und menschlich zur Position passt. Ein neuer Mitarbeiter muss mir zeigen, dass er oder sie die richtige Wahl für die Aufgabe ist. Ich stelle gezielt ein, wenn ich Unterstützung brauche – zum Beispiel im Lager oder im Onlineshop. Besonders wichtig ist mir, dass jemand selbstständig arbeiten und mitdenken kann. Genau das prüfe ich intensiv in den ersten Wochen und während der Probezeit. Am Ende geht es darum, dass ein Mitarbeiter das Unternehmen wirklich unterstützt und mit voranbringt und nicht zusätzlichen Aufwand erzeugt.

Hast du schon mal jemanden eingestellt und es direkt bereut?

Oh ja – und das hat mich ehrlich gesagt auch traurig gemacht. Ich verstehe oft nicht, warum sich manche auf einen Job bewerben, voller Motivation wirken und unbedingt eingestellt werden wollen, um dann kurze Zeit später regelmäßig krank zu sein oder ihre Aufgaben nicht zuverlässig zu erfüllen. Was dabei häufig vergessen wird: Ein Gehalt ist keine Selbstverständlichkeit, sondern an eine bestimmte Leistung geknüpft. Unternehmen suchen Mitarbeitende, die Verantwortung übernehmen und ihren Beitrag leisten – wir sind keine Wohlfahrt. Viele versetzen sich leider nicht in die Lage eines Unternehmers, der dieses Gehalt erst einmal erwirtschaften muss. Genau das macht solche Erfahrungen besonders frustrierend.

Was bietest du deinen Mitarbeitern konkret? Zahlst du überdurchschnittlich gut? Gibt es Benefits?

Ich habe mir angewöhnt, im Bewerbungsgespräch direkt zu fragen, welches Gehalt sich die Person vorstellt. Das klingt im ersten Moment vielleicht ungewöhnlich, aber tatsächlich hat bisher niemand unrealistische Forderungen gestellt. Zusätzlich arbeite ich mit leistungsbasierten Anreizen: Einige Mitarbeitende erhalten Provisionen, das heißt, wer sich besonders reinhängt, kann auch deutlich mehr verdienen. Gute Leistung wird bei mir klar belohnt. Ein Mitarbeiter hat zum Jahreswechsel beispielsweise eine Gehaltserhöhung von 1.000 € netto pro Monat bekommen. Eine andere Mitarbeiterin steigt ab April in eine neue Position auf und erhält künftig sogar das doppelte Gehalt. Darüber hinaus biete ich auch besondere Benefits: Ich habe Mitarbeitende bereits mit nach Dubai genommen, inklusive Business-Class-Flug, Unterkunft in einem der besten Hotels und hochwertiger Verpflegung. Das sind Investitionen von mehreren tausend Euro. Umso enttäuschender ist es, wenn genau solche Dinge nicht wertgeschätzt werden. Auch das habe ich leider schon erlebt.

Wie oft hast du schon jemanden entlassen (müssen)? Und was waren die Gründe dafür?

Ehrlich gesagt habe ich irgendwann aufgehört, mitzuzählen. Die gravierendsten Gründe waren Diebstahl – leider in mehreren Fällen – und schwerwiegende Fehler, die mich über 100.000 € Umsatz gekostet haben. Am meisten enttäuscht hat mich jedoch der Vertrauensbruch durch Diebstahl. Eine Mitarbeiterin, die eng mit mir zusammengearbeitet hat und ein wirklich gutes Gehalt bekam, hat mein Vertrauen ausgenutzt. Sie war unter anderem für Tabellen zuständig, die als Grundlage für Gehaltsüberweisungen dienten – und hat dort regelmäßig ihre eigenen Zahlen nach oben korrigiert. Mir ist das lange nicht aufgefallen, weil ich viele Überweisungen hintereinander gemacht habe und mich auf die vorbereiteten Daten verlassen habe. Das war eine harte, aber wichtige Lektion: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist genauso wichtig.

Fällt dir Kündigen leicht oder geht dir das trotzdem manchmal nahe?

Kündigen fällt mir überhaupt nicht leicht – im Gegenteil. Ich habe lange gemerkt, dass ich dafür eigentlich nicht gemacht bin, weil ich immer versuche, die Situation der Mitarbeitenden zu verstehen. Ich denke dann schnell: "Vielleicht geht es der Person privat gerade nicht gut" oder "Das war bestimmt keine Absicht". Mir fällt es schwer nachzuvollziehen, wie jemand bewusst Grenzen überschreitet oder Vertrauen missbraucht. Genau deshalb habe ich irgendwann entschieden, Verantwortung abzugeben: Inzwischen habe ich jemanden im Team, der die Führung übernimmt und auch solche Entscheidungen trifft. Ich selbst sehe meine Stärke eher im kreativen Bereich. Ich liebe es, Content zu entwickeln – vor allem für Instagram und TikTok – und neue Ideen umzusetzen, sei es für Produkte wie Bücher oder kreative Konzepte wie Glitzer-Cocktails.

Was war der krasseste Moment, wo du jemanden sofort rausgeworfen hast?

Definitiv der Diebstahl. Da zögere ich keine Sekunde. Die fristlose Kündigung ging unmittelbar per Bote raus.

Hast du das Gefühl, viele wollen heute Geld ohne Leistung?

Ich würde es nicht pauschal so sagen – aber es ist definitiv schwieriger geworden, gute Mitarbeitende zu finden, die ihre Aufgaben zuverlässig und gewissenhaft erledigen. Ich habe leider schon öfter erlebt, dass "Arbeiten von zu Hause" falsch verstanden wird: Statt tatsächlich zu arbeiten, werden private Dinge erledigt – Treffen mit Freunden, Fitnessstudio oder Ähnliches – und trotzdem als Arbeitszeit verbucht. Auch das Gegenteil kommt vor: Aufgaben werden unnötig in die Länge gezogen, obwohl sie eigentlich in kurzer Zeit erledigt werden könnten. Solche Situationen sind extrem frustrierend, weil man sich schnell nicht ernst genommen fühlt.

Hat sich die Arbeitsmoral in Deutschland deiner Meinung nach verschlechtert?

Ich glaube, dass es heute definitiv mehr Ablenkung gibt – vor allem durch Social Media wie TikTok und Instagram. Die Aufmerksamkeitsspanne wird kürzer, das Handy ist ständig präsent, und es fällt vielen schwerer, sich über längere Zeit wirklich zu konzentrieren. Gleichzeitig sehe ich aber noch einen anderen, vielleicht wichtigeren Punkt: Unternehmer und Mitarbeitende haben oft eine völlig unterschiedliche Arbeitsmentalität. Als Unternehmer arbeitet man für seine eigenen Ziele. Man will wachsen, besser werden, etwas aufbauen – und ist bereit, dafür jeden Tag Vollgas zu geben. Mitarbeitende hingegen arbeiten in erster Linie im Rahmen ihres Jobs. Für viele stehen Dinge wie Feierabend oder Wochenende stärker im Fokus. Das Problem entsteht oft, wenn man als Unternehmer erwartet, dass Mitarbeitende genauso denken und handeln wie man selbst. Aber genau das tun sie in der Regel nicht – weil sie eben keine Unternehmer sind. Das zu verstehen, war für mich ein wichtiger Lernprozess.

Wie viele Stunden arbeitest du selbst pro Woche?

Ich zähle meine Arbeitsstunden schon lange nicht mehr. Mal ehrlich: Zählt man die Zeit bei Dingen, die man wirklich gerne macht? Ich habe das Glück, meine Leidenschaft zum Beruf gemacht zu haben, deshalb fühlt es sich oft gar nicht wie klassische Arbeit an. Wenn ich es trotzdem beziffern müsste, komme ich wahrscheinlich auf über 10 Stunden täglich – auch am Wochenende, an Feiertagen oder sogar, wenn ich krank bin. Gleichzeitig habe ich mir aber auch eine große Freiheit aufgebaut: Es gibt Tage, an denen ich mir ganz bewusst spontan frei nehme, um einfach nur Mama zu sein. Ich bin mein eigener Chef. Ich muss niemanden um Erlaubnis fragen, niemand sagt mir, wann ich was zu tun habe. Ich führe mich selbst und genau das liebe ich.

{title && {title} } wil, {title && {title} } 18.03.2026, 10:36
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