Augenfarbe, Körpergröße, Intelligenz – klingt wie Science-Fiction, ist nun aber Realität: Das US-Unternehmen Nucleus IVF+ bietet Eltern, die eine künstliche Befruchtung (In-Vitro-Fertilization, IVF) machen, ein Tool an, mit dem sie Embryonen vergleichen und auswählen können. Auf Basis genetischer Daten wird berechnet, welches Kind später die besten Karten haben könnte – sei es bei der Gesundheit oder beim Aussehen.
MIt dem Slogan "Pick your Baby" ("Such dir dein Baby aus") wirbt das Unternehmen damit, dass Paare schon vor der Einsetzung des Embryos in die Gebärmutter erfahren können, wie wahrscheinlich bestimmte Merkmale sind. Dazu zählen unter anderem Diabetes-Risiko, Krebsveranlagung, aber auch der potenzielle IQ oder wie sportlich das Kind einmal werden könnte.
Dafür wird bei beiden Elternteilen vorab ein DNA-Test durchgeführt. In Videos in den Sozialen Medien erklärt und bewirbt Firmengründer Kian Sadeghi das Verfahren.
Das alles ist keine Zukunftsmusik, sondern bereits Realität. In der New Yorker U-Bahn wurden kürzlich zahlreiche Werbeplakate für Nucleus IVF+ angebracht, die darauf hinweisen, dass "der IQ zu 50 % genetisch bedingt ist", "die Körpergröße zu 80 % genetisch bedingt ist" und das Versprechen liefern, dass Paare "ein gesünderes Baby" oder gar "ihr bestes Baby" bekommen können.
Das lässt bei Ärzten und Ethikern die Alarmglocken läuten. Denn in der Praxis sieht der Ablauf so aus, dass im Labor 20 Eizellen der Frau künstlich mit dem Samen des Mannes befruchtet werden. Danach werden die 20 Embryonen genetisch untersucht.
Die Ergebnisse, also Krankheitswahrscheinlichkeiten (über 2.000 Krankheiten, Suchtveranlagungen und Störungen werden erkannt) und Prognosen zu körperlichen (Haar- und Augenfarbe, Körpergröße etc.) und geistigen Eigenschaften (IQ), werden dem Paar gezeigt, das daraufhin einen Embryo auswählt. Die übrigen 19 Embryonen werden "entsorgt", also getötet – was wohl auch von kirchlicher Seite noch zu einigem an Protesten führen wird.
Das bringt dem Unternehmen der Vorwurf der Eugenik ein. Ein Begriff, der hierzulande aus der Zeit des Nationalsozialismus bekannt und schwer belastet ist. Eugenik ist die Idee, das menschliche Erbgut gezielt zu "verbessern", indem man bestimmte genetische Merkmale fördert – und andere verhindert oder ausschließt.
Die Frage, welche Erbgut "gut" und welches "schlecht" ist, liegt dabei freilich ganz im Auge des Betrachters. Während des Nationalsozialismus führte diese Idee dazu, massenhaft "unerwünschtes Leben" auszulöschen, also ganze Bevölkerungsgruppen zu ermorden oder unfruchtbar zu machen.
Ein Autor auf der US-Plattform "LifeSiteNews" zieht sogar Vergleiche mit Aldous Huxleys dystopischem Roman "Brave new world" ("Schöne neue Welt"). Darin werden Menschen nicht mehr natürlich geboren, sondern im Labor gezüchtet – und je nach genetischer Ausstattung in feste Klassen einsortiert: von hochintelligenten Anführern bis zu willenlosen Arbeitskräften.
Kritiker befürchten, dass durch die gezielte Auswahl von Embryonen nach Wunschmerkmalen ein ähnliches Denken Einzug halten könnte – und der Wert eines Menschen an seinen Genen gemessen wird. in dem Menschen nach Klasse gezüchtet werden.
Das ganze ist freilich nicht billig – was dazu führen könnte, dass nur finanziell besser gestellte Paare ihr Wunschbaby "erschaffen" können, während Geringverdiener weiterhin mit Erbkrankheiten und unausgeschöpften Potenzialen klar kommen müssen.
Doch Nucleus geht einen Schritt weiter: Hier soll nicht nur Krankheit verhindert, sondern auch optimiert werden. Die Firma weist den Vorwurf der Eugenik zurück – es gehe nur um Information und Entscheidungsfreiheit für Eltern. Noch ist das Angebot nicht überall verfügbar – doch der erste Damm scheint gebrochen.