Die Plüschfiguren mit den großen Augen und Fangzähnen sind wohl das begehrteste Sammlerobjekt der Welt. Ausgelöst wurde der Hype um die "Labubus" im Vorjahr von Stars wie Rihanna oder Dua Lipa. Doch während Fans für die immer neuen Variationen der Figur Schlange stehen schuften in China Tausende unter fürchterlichen Bedingungen.
Über 10 Millionen Labubus sollen bereits verkauft worden sein – den Preis dafür zahlen, wie so oft, die schwächsten.
Eine neue Recherche der NGO China Labor Watch (CLW) deckte nun auf: In der Fabrik Shunjia Toys im chinesischen Xinfeng County sollen über 4.500 Menschen, darunter viele 16- und 17-Jährige, unter prekären Bedingungen arbeiten. Die Organisation führte dafür 51 Interviews mit Arbeitern, sammelte interne Unterlagen und überprüfte Verträge, Lohnzettel und Schulungsunterlagen. Die Vorwürfe basieren also direkt auf Aussagen aus der Fabrik selbst. Der im Jänner 2026 veröffentlichte Bericht ist im Internet als PDF abrufbar.
Zahlreiche Aussagen von Beschäftigten vergleichen die Bedingungen mit einem Gefängnis – der Bericht dokumentiert Strafen, rigide Regeln, Überwachung und Ausweglosigkeit. Aus den Angaben der Arbeiter lässt sich ableiten: Die Zustände würden eher an ein Straflager erinnern, als an eine Spielzeugfabrik.
Der "Pop Mart"-Konzern steuerte im Vorjahr auf über vierMilliardenUS‑Dollar Jahresumsatz zu, wobei Labubus der größte Umsatzbringer waren. Im ersten Halbjahr 2025 stieg der Gewinn um 400 %. Allein der Umsatz aus der „The Monsters“‑Linie (zu der Labubu gehört) machte im ersten Halbjahr 2025 mehrere Milliarden Yuan aus – was auf sehr hohe Verkaufszahlen hindeutet, wenn man die durchschnittlichen Preise der Blind‑Box‑Produkte berücksichtigt.
Besonders schockierend ist laut Bericht der Umstand, dass reihenweise Minderjährige eingesetzt werden – zu den selben Konditionen wie Erwachsene, also 6-Tage-Wochen mit bis zu 14-Stunden-Schichten bei Unterbringung in Massenunterkünften ohne Schutz vor sexueller Belästigung und Diskriminierung.
Die Fabrik von Shunjia Toys ist nicht der einzige Auftragsfertiger von Pop Mart. Für den Bericht wurde aber nur dieser Hersteller unter die Lupe genommen. Ob es in anderen Werken bessere Arbeitsbedingungen gibt ist nicht bekannt, darf aber nach diesem Bericht bezweifelt werden.
Die Ergebnisse der Recherche bei Shunja Toys sind jedenfalls erschütternd:
■ Jugendliche ab 16 Jahren werden ohne Schutzmaßnahmen wie Erwachsene eingesetzt – obwohl das Gesetz Sonderregeln für Unter-18-Jährige vorsieht.
■ Arbeitsverträge oft ohne Angaben zu Lohn oder Arbeitszeit.
■ Bis zu 4.000 Puppen pro Tag pro Linie als kaum erreichbare Produktionsvorgabe.
■ Wer das Ziel nicht schaffte, musste mit Lohnabzügen oder verwehrten Überstunden rechnen.
■ Bei Kündigung vor Ablauf von drei Monaten wurde eine Strafe von 600 Yuan (85 Euro) vom Lohn abgezogen.
■ Wer ein Werkzeug verliert, zahlt bis zu 2.000 Yuan – mehr als zehn Tageslöhne.
Die reguläre Arbeitswoche in der Fabrik umfasst sechs Tage, jeweils von 7:50 Uhr bis mindestens 16:50 Uhr, oft auch deutlich länger – Überstunden bis 21:30 Uhr waren keine Seltenheit. In Spitzenzeiten mussten Arbeiterinnen und Arbeiter sogar 13 bis 14 Tage am Stück durcharbeiten – bis zu 14 Stunden Arbeit am Tag.
Die Pausen sind knapp bemessen – für Mittag und Abend gibt es maximal 1 Stunde bzw. 40 Minuten am Abend (bei Überstunden). Toiletten- und Trinkpausen sind auf zwei pro Schicht begrenzt – wer öfter muss, wird laut Bericht ermahnt oder beschimpft.
Die einstündige Mittagspause klingt auf den ersten Blick zwar nicht schlimm. Viele der 4.500 Arbeiter verbringen die meiste Zeit davon jedoch in der Warteschlange bei der Essensausgabe. Wer später dran ist, bekommt nur noch Reste, teilweise mit schlechter Qualität oder Fremdkörpern im Essen.
Das Grundgehalt liegt je nach Abteilung bei umgerechnet 256 bis 298 US-Dollar im Monat. Nur mit massiven Überstunden konnten einige auf bis zu 570 Dollar im Monat kommen. Leiharbeiter verdienen dabei deutlich weniger, ohne Anspruch auf Zuschläge – oft unter dem gesetzlichen Mindestlohn.
In den Abteilungen Spritzguss und Lackierung arbeiteten Beschäftigte ohne adäquate Schutzkleidung mit giftigen Stoffen wie PVC oder Polyamid. Der Bericht nennt auch einzelne Fälle von Tuberkulose – mutmaßlich verursacht durch schlechte Luft oder die unhygienische Kantine.
Serviert wird das Essen in den Kantinen in großen Metalltöpfen am Boden, gekocht mit ungenügend gewaschenem Gemüse, oft voller Steinchen. Gegessen wird in zwei Kantinen – das Management hat einen eigenen Bereich mit besserem Essen.
Schlafplätze teilen sich bis zu acht Personen in einem oft verdreckten Raum.Warmes Wasser ist Mangelware, Strom- und Wasserkosten werden vom ohnehin kargen Lohn abgezogen. Wer mehr als zweimal pro Schicht aufs Klo geht, wird angeschrien. "Ich wurde angeschrien, weil ich zweimal aufs Klo ging – das ist kein Job, das ist Gefängnis", erzählte eine Arbeiterin.
Weitere Missstände laut Bericht:
■ Wer krank ist, bekommt keinen Lohn.
■ Kein Urlaubsanspruch.
■ Keine Gewerkschaft, kein Betriebsrat, keine Beschwerdestelle, keine unabhängige Kontrolle.
■ Sexuelle Belästigung weiblicher Mitarbeiterinnen
■ Rassismus gegenüber Angehörigen von Minderheiten
Pop Mart reagierte auf Anfrage von CLW mit einer Standardaussage: Man nehme die Vorwürfe ernst und werde die Lieferkette überprüfen. CLW fordert hingegen Konsequenzen: faire Arbeitszeiten, Schutzkleidung, bezahlte Pausen und Rückzahlung von vorenthaltenem Lohn.
Der süße Schein trügt. Was im Regal niedlich aussieht, basiert in vielen Fällen wohl auf gnadenloser Ausbeutung.