Wenn um 11.15 Uhr das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker beginnt, richtet sich der Blick der TV-Zuschauer nicht nur auf den Taktstock, sondern auch auf die Hände des Dirigenten.
Denn Yannick Nézet-Séguin betritt den Goldenen Saal mit silbern lackierten Fingernägeln und einem Flinserl im Ohr die Bühne. Ein Bild, das man beim traditionsreichsten Klassik-Event der Welt so noch nicht gesehen hat.
Der 50-jährige Frankokanadier lächelt, winkt ins Publikum und zeigt damit schon beim ersten Moment: Hier steht kein steifer Maestro alter Schule. Nézet-Séguin inszeniert sich nicht, er lebt Musik. Und dazu gehört für ihn auch, Persönlichkeit zu zeigen.
Der Nagellack ist kein Zufall. Schon bei der Programmpräsentation blitzten seine lackierten Nägel auf, als er über "Freude", "Neugier" und "Vielfalt" sprach. Das Flinserl im Ohr? Ebenfalls Teil seines Stils. Für den Dirigenten ist es ein Statement gegen überholte Bilder vom honorigen, unnahbaren Pultstar.
"Manche Musik hörst du, manche trägst du", schrieb Nézet-Séguin kürzlich auf Instagram – und meinte das durchaus wörtlich. Der Maestro trägt sogar eine Partitur als Tattoo auf dem Oberarm. Klassik muss für ihn nicht geschniegelt, sondern lebendig sein.
Dass ausgerechnet er das Neujahrskonzert dirigiert, sorgt für frischen Wind. Ohne Dirigentenpult, mit viel Bewegung und direktem Kontakt zum Orchester, führt Nézet-Séguin durch das Programm. Die gute Laune ist ansteckend. Im Saal ebenso wie vor den Bildschirmen.
Auch musikalisch setzt er Zeichen: Erstmals erklingen beim Neujahrskonzert Werke von zwei Komponistinnen. Für Nézet-Séguin selbstverständlich. "Es ist wichtig, dass sich Menschen repräsentiert fühlen", sagt er.
Silberne Nägel, Flinserl, strahlendes Lächeln und ein Dirigent, der zeigt, dass Tradition und Zeitgeist kein Widerspruch sein müssen.