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Lehrerin: "Betreue 100 Kinder, nur 1 spricht Deutsch"

Christiane M. ist Sprachförderlehrerin in einer Favoritener Volksschule. Sie betreut vier Klassen, nur ein Kind hat als Muttersprache Deutsch.
Wien Heute
23.11.2025, 06:59
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In Wien spricht laut dem Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) mehr als jedes zweite Schulkind (51,6 %, Stand 2022/23) im Alltag nicht Deutsch, 35,1 % der Kinder sind zudem ausländische Staatsbürger.

Zuletzt gab Bildungs-Stadträtin Bettina Emmerling (Neos) auch die Zahlen der außerordentlichen Schüler (können dem Unterricht aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse nicht ausreichend folgen, Anm.) bekannt: Demnach sind es zwar insgesamt um 3,3 Prozent weniger als im vergangenen Schuljahr, in den Volksschulen blieb die Zahl mit 15.650 Kindern aber annähernd gleich.

Arabisch und Türkisch im Klassenzimmer

Auch Christiane M. (Name geändert) ist täglich mit dem Problem der fehlenden Deutschkenntnisse konfrontiert. Als Sprachförderlehrerin an einer Favoritener Volksschule betreut sie derzeit vier 1. bis 4. Klassen (mit je rund 25 Schülern): "Von diesen etwa 100 Schülern habe ich nur ein Kind, das Deutsch als Muttersprache hat. Arabisch und Türkisch überwiegt, ein bisschen Serbisch und Bosnisch ist auch dabei. Manchmal setze ich Kinder, die ein bisschen Deutsch sprechen als Übersetzer ein", berichtet die Wienerin im "Heute"-Interview.

Die langjährige Pädagogin versucht, die Kinder zu alphabetisieren und ihnen das Lesen beizubringen: "Der überwiegende Teil lernt auch das Lesen, aber es fehlt oft am Leseverständnis. Wenn sie einen Text lesen, dann merkt man erst, was sie alles nicht verstehen. Meist wird in ihrem Umfeld kein einziges deutsches Wort gesprochen. In der vierten Klasse ist es dann schon besser, da kann man sich dann schon oft mit ihnen unterhalten."

„Ich sage den Eltern immer: Bitte alles auf Deutsch – aber es kommt nicht an“
Christiane M.Sprachförderlehrerin

Für die Lehrerin ist klar: "Die Deutschförderung muss schon viel früher einsetzen – ab dem 3. Lebensjahr im Kindergarten. Denn, je früher damit begonnen wird, umso leichter lernen es die Kinder."

Auch jene Eltern, die bereits gut Deutsch sprechen, müssten mehr in die Pflicht genommen werden: "Eltern können gut auf die Kinder einwirken, das kann man von ihnen auch verlangen. Ich sage immer: Bitte alles auf Deutsch – aber es kommt nicht an. Es gibt Familien, die sind schon in 3. Generation hier und sprechen mit dem Kind nur Türkisch, obwohl sie selbst Deutsch können. Zu Hause läuft nur arabisches oder türkisches Fernsehen. Das verstehe ich dann nicht, das ist für mich Verweigerung."

80 % wechseln in Mittelschule

Die fehlende Unterstützung schlägt sich dann oft auch im weiteren Bildungsweg wieder: "Etwa 80 % der Kinder wechseln von der Volks- in eine Mittelschule. Früher war es circa 50/50. Nur die Kinder, die vom Elternhaus unterstützt werden, die gehen dann ins Gymnasium. Das gibt es auch, aber es wird immer weniger."

Trotz all der Herausforderungen liebt Christiane M. ihren Beruf: "Ich hab's immer gerne gemacht und mach's noch immer gerne. Aber ich bin auch ernüchtert und traurig, dass es so bergab mit der Bildung geht, mit den Zukunftschancen für diese Kinder. Was bleiben ihnen denn später für Optionen? Für die Männer Mindestsicherung oder Kriminalität, für die Frauen, früh Mutter zu werden."

{title && {title} } red, {title && {title} } 23.11.2025, 06:59
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