Wenn sich der Himmel verdunkelt, die Luft elektrisch knistert und in der Ferne ein Grollen aufzieht, liegt etwas Archaisches in der Atmosphäre. Gewitter haben seit jeher etwas Mystisches. Schon unsere Vorfahren sahen darin Zeichen der Götter, himmlische Kämpfe oder Botschaften aus dem Jenseits. Jetzt kommt noch ein Detail hinzu, das dem Ganzen einen Hauch von Übernatürlichem verleiht: Wissenschaftler haben nämlich den direkten Beweis erbracht, dass Baumkronen während Gewittern sogenannte Koronaentladungen – schwache elektrische Leuchterscheinungen – abgeben. Mit bloßem Auge sind sie nicht sichtbar. Aber eine Kamera kann es sichtbar machen. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift "Geophysical Research Letters" veröffentlicht.
Mithilfe einer eigens entwickelten UV-Kamera gelang es einem Forscherteam der Penn State University, die erste direkte Beobachtung sogenannter Koronaentladungen an Bäumen während eines Gewitters. Coronae sind schwache elektrische Entladungen, die sich an den Blättern von Bäumen bilden, wenn Gewitterwolken über sie hinwegziehen und die Luft elektrisch aufladen.
Zwar galten diese Phänomene schon länger als mögliche Erklärung für Berichte wie den "brennenden Dornbusch" aus der Bibel, doch bislang fehlte der direkte Beweis in natürlicher Umgebung.
Für ihre Messungen bauten die Forscher ein mobiles Beobachtungssystem in einen umgerüsteten Minivan. Ausgestattet mit elektrischem Felddetektor und einem periskopartigen UV-Kamerasystem auf dem Dach, beobachteten sie während eines Sommergewitters 2024 in North Carolina einen Amberbaum. Innerhalb von rund 90 Minuten registrierten sie 859 einzelne UV-Signale an drei Ästen. Jede Entladung dauerte nur Sekundenbruchteile bis wenige Sekunden – und wanderte ständig von Blatt zu Blatt.
Ähnliche Muster wurden auch bei weiteren Beobachtungen an unterschiedlichen Baumarten festgestellt. Das deutet darauf hin, dass es sich nicht um einen Zufall handelt, sondern um ein verbreitetes Naturphänomen, das immer dann auftritt, wenn sich ein stark geladener Gewitterkern über einer Baumkrone befindet.
Die Entladungen können die Blattspitzen kurzfristig sichtbar versengen. Erste Laboruntersuchungen deuten darauf hin, dass dabei die schützende Wachsschicht der Blätter – die sogenannte Kutikula – beschädigt werden könnte. Eine einzelne Entladung scheint zwar keinen gravierenden Schaden zu verursachen. Doch die Forscher vermuten, dass wiederholte Gewitter über lange Zeiträume hinweg Auswirkungen auf die Gesundheit der Baumkronen haben könnten. Nun soll weiter untersucht werden, ob und wie sich diese elektrischen Leuchterscheinungen langfristig auf Bäume auswirken – und ob die Natur womöglich Strategien entwickelt hat, um mit dieser stillen, unsichtbaren Kraft aus dem Gewitterhimmel umzugehen.