Wegen betrügerischer Krida und Untreue war ein 66-jähriger Ex-Apotheker bereits rechtskräftig verurteilt, der Haftantritt stand kurz bevor. Doch statt ins Gefängnis zu gehen, kam es im Bezirk Baden zu einer blutigen Gewalttat.
Kurz vor der Tat verschickte der frühere Apotheker eine E-Mail an mehrere Empfänger. Darin zeigte er sich verzweifelt und offenbar voller Wut. Er sprach von einem "Justizirrtum", "Justizignoranz" und "Justizwillkür" und schrieb, für ihn sei es vermutlich bereits zu spät – möglicherweise könne aber durch das Bekanntwerden des Falls anderen Unschuldigen ein ähnliches Schicksal erspart bleiben.
Einer der Empfänger reagierte sofort und alarmierte die Einsatzkräfte. Bei Notruf Niederösterreich ging am Montag, 2. Februar, kurz vor 14 Uhr die Meldung ein.
Beamte der Polizeiinspektion Leobersdorf, ein Notarzthubschrauber sowie ein Großaufgebot an Rettungskräften rückten zum Einsatzort aus. In einem Einfamilienhaus fanden sie das Ehepaar schwer verletzt vor – beide wiesen Stichverletzungen im Bauchbereich auf.
Nach aktuellem Ermittlungsstand gehen die Behörden von einem Mordversuch mit anschließendem Suizidversuch aus. Sowohl der mutmaßliche Täter als auch das Opfer wurden in umliegende Krankenhäuser gebracht: Die Frau per Notarzthubschrauber, der Mann mit Rettungswagen und Notarztbegleitung.
Wie "Heute"-Recherchen zeigen, hatte die Bluttat eine lange Vorgeschichte. Der Tatverdächtige soll sich über Jahre hinweg aus dem Geschäft mit der Schlossapotheke in Kottingbrunn mehr Geld genommen haben, als ihm zustand. Über einen Zeitraum von rund 18 Jahren sollen etwa zwei Millionen Euro geflossen sein.
Im Zuge eines Schuldenregulierungsverfahrens wurden Ermittler auf den Mann aufmerksam. Dabei hatte der 66-Jährige zwei hochpreisige Kunstwerke nicht angegeben. In weiterer Folge überprüften die Behörden die Geldflüsse – zahlreiche Unregelmäßigkeiten kamen ans Licht.
Die Staatsanwaltschaft erhob schließlich Anklage wegen betrügerischer Krida und Untreue. Am 26. Juni 2025 wurde der frühere Apotheker zunächst zu drei Jahren Haft verurteilt, davon ein Jahr unbedingt. Sowohl die Staatsanwaltschaft als auch der Angeklagte legten Rechtsmittel ein. Das Oberlandesgericht verschärfte das Urteil schließlich: Aus einem Jahr unbedingter Haft wurden drei Jahre unbedingte Haft – rechtskräftig.
Im Dezember 2025 erhielt der Mann die Aufforderung zum Haftantritt. Grundsätzlich hätte er noch Anträge stellen können, etwa auf elektronisch überwachten Hausarrest oder die Prüfung einer Vollzugsuntauglichkeit. Dazu kam es jedoch nicht mehr. Kurz vor dem geplanten Haftantritt ereignete sich die blutige Attacke im Wohnhaus des Ehepaares.
Wie jetzt erst bekannt wird: Laut "Krone" war auch die Ehefrau zu mehr als einem Jahr Haft im Prozess um betrügerische Krida verurteilt worden. Demnach standen also beide Ehepartner vor dem Haftantritt. Die Ermittlungen in dem Fall laufen, es gilt die Unschuldsvermutung.
Der 66-Jährige wurde wegen des Verdachtes des versuchten Mordes in die Justizanstalt eingeliefert, U-Haft wurde beantragt. Der Mann habe bisher die Aussage verweigert, sagte Erich Habitzl, Sprecher der Staatsanwaltschaft Wiener Neustadt, am Mittwoch auf APA-Anfrage. "Das Opfer ist noch nicht vernehmungsfähig", teilte er zudem mit.
Suizidgedanken? Telefonseelsorge unter der Tel.: 142; Polizeinotruf unter der Tel: 133