Das Metropolitan Museum of Art in New York setzt ein starkes Zeichen – und sorgt gleichzeitig für heftige Diskussionen. Das renommierte Costume Institute widmet John Galliano im Frühjahr 2027 die große Retrospektive "John Galliano: Horizons". Für die Modewelt ist das die höchste Auszeichnung überhaupt: Vor Galliano wurden nur Yves Saint Laurent (1983) und Rei Kawakubo (2017) als lebende Designer mit einer Einzelausstellung im Met geehrt.
Doch die Entscheidung wirft Fragen auf. Kann man einen der größten Couturiers der Gegenwart feiern, ohne dabei seine Vergangenheit zu relativieren?
Kurator Andrew Bolton will mit der Ausstellung den gesamten Bogen von Gallianos Karriere zeigen: vom gefeierten Absolventen des Central Saint Martins über seine spektakulären Jahre bei Givenchy und Dior bis hin zu seinem gefeierten Comeback bei Maison Margiela.
"Die Ausstellung beleuchtet sowohl, wie Galliano die Welt durch Mode neu kartografiert hat, als auch, wie sein Verhalten, dessen Folgen und sich wandelnde kulturelle Werte unser Verständnis seines Werks neu geprägt haben", erklärt Bolton. Das Met kündigt also ausdrücklich an, die dunklen Kapitel nicht auszublenden.
Genau darin liegt jedoch die Brisanz. 2011 wurde Galliano nach antisemitischen Beschimpfungen in einer Pariser Bar verurteilt und von Dior entlassen. In Videos sagte er unter anderem, er liebe Hitler und beleidigte Gäste antisemitisch. Es folgten Entzug, öffentliche Entschuldigung und ein jahrelanger Wiederaufbau seiner Karriere.
Heute gilt Galliano für viele wieder als kreatives Ausnahmegenie. Auch für Anna Wintour, die die Entscheidung des Museums deutlich verteidigt: "Seine Karriere lässt sich nicht auf einen einzigen Moment reduzieren – auch wenn er mit dessen Folgen für den Rest seines Lebens leben wird."
Gerade diese Argumentation sorgt jedoch für Kritik. Während kulturelle Institutionen in den vergangenen Jahren bei Themen wie Rassismus, Sexismus oder Diskriminierung eine kompromisslose Haltung einforderten, scheint bei Antisemitismus plötzlich ein anderer Maßstab zu gelten.
Gallianos Reue wird hervorgehoben, seine künstlerische Bedeutung betont und seine Rehabilitation gefeiert. Kritiker fragen deshalb, ob hier mit zweierlei Maß gemessen wird. Die Ehrung fällt zudem in eine Zeit, in der antisemitische Vorfälle international deutlich zunehmen. Gerade in New York, dem Schauplatz der Met Gala, wurden zuletzt besonders viele antisemitische Hassverbrechen registriert. Vor diesem Hintergrund wirkt die Entscheidung des Museums für manche Beobachter wie ein irritierendes Signal.
Das Costume Institute kündigt zwar an, Gallianos antisemitische Entgleisungen ausdrücklich in die Ausstellung einzubeziehen. Doch die weltweiten Bilder der glamourösen Met Gala dürften letztlich stärker in Erinnerung bleiben als die kritische Einordnung in den Museumsräumen.
Trotz allem muss man zugeben, dass Gallianos enormer Einfluss auf die Modegeschichte unbestritten bleibt. Seine Arbeiten für Dior, Givenchy, Maison Margiela und sein eigenes Label haben Generationen von Designern geprägt. Gleichzeitig zeigt die Met-Ausstellung, wie schwierig die Trennung von Werk und Person bleibt.
Die Retrospektive dürfte deshalb weit mehr werden als eine Hommage an einen außergewöhnlichen Designer. Sie wird auch zur Debatte darüber, wie weit kulturelle Vergebung reichen darf – und ob sie in Zeiten wachsender antisemitischer Spannungen ausgerechnet jetzt das richtige Signal sendet.