Ein Blasmusikabend in Kufstein sorgt im Nachhinein für heftige Diskussionen. Bei der Veranstaltung "Sterne der Blasmusik" am 4. Oktober führten laut "Tiroler Tageszeitung" gleich zwei der vier beteiligten Musikkapellen den umstrittenen Standschützen-Marsch von Sepp Tanzer auf. Das Problem: Das Stück stammt aus der NS-Zeit und wurde einst in Anwesenheit von Adolf Hitler und Benito Mussolini gespielt.
Die Stadtspitze reagiert mit deutlicher Kritik. Eine der betroffenen Kapellen hat sich inzwischen entschuldigt und den Marsch aus ihrem Repertoire gestrichen.
Für die Aufregung verantwortlich sind die Bundesmusikkapellen Oberlangkampfen und Landl. Beide spielten das Stück unabhängig voneinander, berichtet die Tageszeitung.
Der Standschützen-Marsch entstand 1942 als Auftragswerk von Gauleiter Franz Hofer. Bei einer Feier am Brenner dirigierte Komponist Sepp Tanzer das Werk persönlich. Unter den Anwesenden befanden sich Hitler und Mussolini.
Bereits seit 2013 empfiehlt der Tiroler Blasmusikverband, auf die Aufführung des Marsches zu verzichten. Damit soll den Opfern des Nationalsozialismus Respekt erwiesen werden.
Kufsteins Kulturreferent Klaus Reitberger (Parteifreie) betont, dass die Stadt für kulturelle Vielfalt stehe. Sowohl traditionelle Umzüge als auch die Pride Parade hätten dort ihren Platz.
Bei Musik mit eindeutigem NS-Bezug zieht er allerdings eine Grenze.
"Es gibt aber auch Dinge, die hier eben keinen Platz haben. Dazu gehört die Darbietung von Liedern und Kompositionen, die ganz klar dem nationalsozialistischen Regime zuzuordnen sind", erklärt Reitberger gegenüber der "Tiroler Tageszeitung".
Die Stellungnahme wird auch von Bürgermeister Martin Krumschnabel (Parteifreie) sowie den beiden Vizebürgermeistern Stefan Graf (Grüne) und Brigitta Klein (Parteifreie) mitgetragen. "Es ist uns wichtig, klar anzusprechen, dass derlei Liedgut in Kufstein nicht erwünscht ist", heißt es darin. Reitberger erinnert zudem an einen ähnlichen Vorfall in Deutschland.
"Als der Marsch im Jahr 2017 von einer Kapelle aus dem Zillertal beim Oktoberfest-Umzug in München gespielt wurde, ist das in den deutschen Medien als Riesen-Skandal diskutiert worden", sagt der Kulturreferent gegenüber der "TT".
Nicht alle in Kufstein teilen die scharfe Kritik. Stadtrat Walter Thaler (GKL), selbst Mitglied der Stadtmusikkapelle Kufstein, hält die Reaktionen gegenüber der Tageszeitung für überzogen:
"Es gibt kein Verbot, nur eine Empfehlung den Marsch nicht zu spielen. Dann müsste man auch die Wagner-Aufführungen in Erl verbieten. Der Bezug von Hitler und Wagner ist bei weitem stärker als zum Standschützen-Marsch."
Thaler verweist außerdem auf einen Unterschied bei der Entstehung des Werks: Der Marsch sei Gauleiter Hofer gewidmet, aber nicht für ihn komponiert worden. Dass die beiden Kapellen bewusst provozieren wollten oder einen Bezug zum Nationalsozialismus hätten, glaubt er nicht.
"Dass man ihn zwei Mal gespielt hat, ist ein blöder Zufall. Das ist passiert, aber man muss deshalb keinen Mordswirbel machen. Ich würde darauf verzichten, ihn zu spielen", wird er im Bericht zitiert.
Auch Christoph Pirchmoser, Obmann der Bundesmusikkapelle Landl, äußert sich zu der Diskussion. Ihm sei bewusst, dass es sich um einen "Traditionsmarsch mit gewissem Hintergrund" handle.
"Wir haben ihn aber nach wie vor im Repertoire und er wird manchmal gespielt. Da ist kein böser Hintergedanke", erklärt Pirchmoser gegenüber der "TT".
Bisher habe die Aufführung des Stücks keine Schwierigkeiten ausgelöst. Der Marsch werde auch bei Platzkonzerten vor Touristen gespielt.
Anders fällt die Reaktion der Bundesmusikkapelle Oberlangkampfen aus. Deren Obmann Jonas Lenk räumt ein, dass man sich bei der Zusammenstellung des Programms nicht ausreichend mit der Geschichte des Marsches und der NS-Belastung seines Komponisten beschäftigt habe.
"Das Werk wurde ausschließlich aus musikalischen Gesichtspunkten ausgewählt. Rückblickend erkennen wir, dass wir uns vor der Aufführung intensiver mit dem historischen Hintergrund hätten auseinandersetzen müssen. Dieser Verantwortung sind wir nicht ausreichend nachgekommen", erklärt Lenk gegenüber der "Tiroler Tageszeitung".
Die Kapelle bedauert die Aufführung und distanziert sich ausdrücklich vom Nationalsozialismus.
"Unser Verein steht für ein offenes, respektvolles und verbindendes Miteinander. Wir distanzieren uns ausdrücklich von jeglichem nationalsozialistischen Gedankengut und von jeder Form der Verharmlosung der nationalsozialistischen Verbrechen."
Die Bundesmusikkapelle Oberlangkampfen zieht nun eine konkrete Konsequenz: Der Standschützen-Marsch wird laut "TT" mit sofortiger Wirkung aus dem Repertoire entfernt und künftig nicht mehr aufgeführt.
Außerdem sollen die Mitglieder stärker über die historischen Hintergründe solcher Musikstücke informiert werden. Damit hat die Diskussion um den Auftritt in Kufstein zumindest bei einer der beiden betroffenen Kapellen bereits zu einem Umdenken geführt.