Eine 89-jährige Frau soll monatelang unter katastrophalen Bedingungen gelebt haben. Jetzt sitzen ihr Sohn (55) und ihre Tochter (72) am Landesgericht Linz auf der Anklagebank. Der schwere Vorwurf: Die Geschwister sollen ihre pflegebedürftige Mutter grob vernachlässigt haben.
Der Sohn hatte laut Anklage die Pflege übernommen. Wie berichtet, soll er die hygienische Versorgung derart vernachlässigt haben, dass die Pensionistin immer wieder in ihren eigenen Exkrementen lag und schwerste Hautablösungen erlitt. Auch die Tochter soll von den erschütternden Zuständen gewusst, aber nicht eingegriffen haben.
Die 89-Jährige lebte in einer "vermüllten und teils stark verschimmelten Umgebung". Bei ihrem Tod war sie laut Anklage völlig entkräftet und dehydriert. Zudem litt sie an entzündlich-eitrigen Gewebeveränderungen. Dieser Zustand soll zu ihrem Tod beigetragen haben.
Zwei freie Plätze lagen im Gerichtssaal dann zwischen den Geschwistern. Der 55-Jährige und seine 71-jährige Schwester wirkten nervös und zeitweise etwas verwirrt. Viel gesprochen wurde offenbar auch vor dem Prozess nicht: Es fehle "an Kommunikation zwischen den Geschwistern", sagte der Verteidiger der Frau.
Als es um den Zustand der Mutter ging, rangen Staatsanwältin und Richter hörbar um Worte. Gesucht wurde eine Formulierung, die dem Grauen gerecht wird. Schließlich einigte man sich auf "dramatisch katastrophal". Wirklich zufrieden schien damit niemand – tatsächlich sei der Zustand der 89-Jährigen noch schlimmer gewesen.
Die Pensionistin habe bei ihrem Tod nur noch 44 Kilo gewogen, ihr Unterkörper war mit Stuhl bedeckt. Am Rücken klaffte eine 13 mal 17 Zentimeter große Wunde – ein Foto davon wurde auch im Saal gezeigt. "Wenn man empfindlich ist, was Lichtbilder betrifft, ist man heute in der falschen Verhandlung", sagte der Richter dazu.
Der Sohn bekannte sich schuldig. "Wie geht es Ihnen?", fragte ihn der Richter. "Normal", antwortet der seit 30 Jahren arbeitslose Linzer. Sein Verteidiger beschrieb ihn als "massiv überfordert": Er habe seiner Mutter kein Leid zufügen wollen, sondern sei ein Mensch, "der es gut wollte, aber nicht gut konnte".
Der 55-Jährige beharrte aber auch darauf, sich um die hochbetagte Frau gekümmert zu haben. Im Zimmer habe es nicht gestunken, er habe "täglich gelüftet" und auch gereinigt. Die massiven Verschmutzungen habe er nur einmal "übersehen", den Schimmel im Haus habe er nicht in den Griff bekommen: "Es ist nicht gegangen."
Ein Urteil für Sohn und Tochter soll es noch gegen Mittag geben. Für die beiden Angeklagten gilt die Unschuldsvermutung. Im Fall einer Verurteilung drohen ihnen bis zu zehn Jahre Haft.