Seit 1992 betreibt Firuse A. ihr Modegeschäft am Wiener Bauernmarkt in der City. Sie hat einen unbefristeten Mietvertrag – trotzdem muss sie jetzt raus. Nach jahrelangen Streitigkeiten mit dem Hausbesitzer wurde ihr im Sommer gekündigt. Bis 23. September muss sie die Liegenschaft verlassen, sonst droht die Räumung durch den Exekutor.
Für Firuse A. ist die Kündigung der traurige Höhepunkt eines langen Kampfes. 2001 hatte die Stadt Wien das Gebäude und weitere laut den Grünen an den Immobilieninvestor Martin Lenikus verkauft. Das Haus am Bauernmarkt 1 machte der Unternehmer zu einem Luxushotel, mit dem Haus Bauernmarkt 9 hat er dasselbe vor. Der Plan scheiterte bislang an der Shop-Betreiberin, die nicht freiwillig ausziehen wollte.
Über 25 Jahre lang lieferten sich die Geschäftsfrau und der Investor einen Rechtsstreit mit insgesamt 48 Klagen, sagt sie. Die Wienerin verbrachte laut eigenen Angaben fast mehr Zeit am Gericht und mit Anwälten als in ihrer Boutique. Immer wieder wurde sie vom Hausbesitzer mit neuen Vorwürfen und Forderungen konfrontiert.
Einmal ging es um eine Treppe, die angeblich nicht bewilligt gewesen sei, sich aber schon immer im Gebäude befand. A. erzählt, dass ein vom Gericht bestellter Gutachter die Treppe sogar beanstandet habe, ohne überhaupt vor Ort gewesen zu sein. Auch ihre Klimaanlage wurde zum Streitfall – obwohl sie die Bewilligung bei der MA 37 eingereicht habe.
Ständig gab es Bauarbeiten: Die Fassade wurde eingerüstet und mit Holzplatten verschlossen. Ihr Geschäft war nur noch eingeschränkt zugänglich, Kunden blieben aus. Zuvor war bereits Regenwasser bis ins Untergeschoß und in die Umkleidekabinen gelangt. "Drei Jahre hat es gedauert, bis ein Sachverständiger gekommen ist", erzählt sie.
Auch beim Mietzins kam es zum Streit. Ab 2020 sei dieser wiederholt angehoben worden – aus Sicht der Betroffenen über das erlaubte Maß hinaus. Wegen nicht bezahlter Beträge folgte sogar eine Räumungsklage. 2021 habe sie wegen Arbeiten im Keller wochenlang im Dunkeln gesessen.
Vor drei Jahren machte der "Falter" auf ihren Fall aufmerksam und zeigte die damalige Baustelle. Auch auf Instagram dokumentiert A. ihre Situation mit Fotos und Videos. Wegen teils beleidigender Kommentare anderer Nutzer über den Investor wird ihr nun Rufschädigung vorgeworfen. Zudem wird ihr das unerlaubte Betreten der Baustelle vorgeworfen – was A. bestreitet. Aus diesen Gründen wurde ihr schließlich der unbefristete Mietvertrag gekündigt.
Zwei Anwälte kämpfen derzeit für die Geschäftsfrau. Der Fall müsse komplett neu aufgerollt werden, sagt A. Ein Gang zum Europäischen Gerichtshof sei für sie nicht ausgeschlossen. Für A. geht es um ihre Existenz: "Die kündigen mich, ohne dass ich etwas Falsches gemacht habe. Mein Job macht mir Spaß und ist mein Leben. Ich weiß nicht mehr weiter, vielleicht passiert noch ein Wunder", sagt sie.
Dass das Gebäude überhaupt an einen privaten Immobilieninvestor verkauft wurde, kritisierten die Wiener Grünen bereits 2002. Unter dem damaligen Wohnbaustadtrat Werner Faymann wurden 36 "atypische" Gemeindebauten mit mehr als 500 Wohnungen verkauft.
Jetzt fordern die Grünen ein Wiener Wohnungsschutzgesetz, das den Verkauf von Gemeindewohnungen künftig nur mit Zweidrittelmehrheit ermöglichen soll. "Wir brauchen jetzt ein klares und unumstößliches Bekenntnis: Der Gemeindebau bleibt in öffentlicher Hand", sagte Grünen-Chefin Judith Pühringer bei einer Pressekonferenz am Donnerstag.