Während die meisten Gletscher weltweit schrumpfen, passiert bei einigen genau das Gegenteil: Sie wachsen plötzlich - und schießen dann mit enormer Wucht vor. Mehr als 3.000 dieser sogenannten "Surge"-Gletscher haben Forscher jetzt weltweit identifiziert.
Das Problem: "Surge"-Eisriesen verhalten sich völlig unberechenbar. Über Jahre sammeln sie Masse an, um sie dann in kurzer Zeit regelrecht "freizusetzen". Bei ihren Vorstößen beschleunigen diese Gletscher auf mehrere Meter pro Tag - in der schnellsten Phase schafft das Eis einen Sprung von 60 Metern am Tag.
Obwohl sie nur rund ein Prozent aller 275.000 Gletscher weltweit ausmachen, haben es "Surge"-Gletscher in sich: Sie sind sehr voluminös, enthalten fünf Prozent der gesamten Gletschermasse - und können "verheerende Katastrophen auslösen", heißt es in einer neuen Studie, veröffentlicht im Fachjournal "Nature Reviews Earth and Environment".
Besonders betroffen sind Arktis, Anden und asiatische Hochgebirge. Allein 81 dieser "springenden" Gletscher gelten als hochgefährlich. Vor allem im Karakorum-Gebirge (Pakistan, Indien, China) liegen zahlreiche "Surge"-Eisriesen direkt über besiedelten Tälern.
Die Gefahren sind vielfältig: Sprunghaft vorschießende Gletscher können Straßen, Häuser und Felder überrollen, Flüsse aufstauen und später massive Überschwemmungen auslösen. Auch plötzliche Schmelzwasserausbrüche oder Eislawinen sind möglich. In Küstenregionen entstehen zudem gefährliche Eisberge, die die Schifffahrt bedrohen.
Besonders heikel: Der Klimawandel verschärft die Situation. Extreme Wetterlagen wie Starkregen oder Hitzeperioden können Gletscher-Sprints immer häufiger auslösen. Forscher Gwenn Flowers von der kanadischen Simon Fraser University warnt vor "neuen Spielregeln": Einst seltene Ereignisse treten heute deutlich öfter auf - und machen Vorhersagen immer schwieriger.
Damit ein Gletscher "durchstartet", braucht es zwei Dinge: viel Schnee, der sich ansammelt - und zeitweise Temperaturen über null Grad. Dann kann Schmelzwasser die Reibung am Boden verringern und den Eisriesen ins Rutschen bringen.
Für Forscher ist klar: Die Gefahr wird größer. Umso wichtiger sei es, betroffene Regionen besser zu überwachen und frühzeitig vor solchen Ereignissen zu warnen.