Verkehr, Baustellen, Flugzeuge – Lärm gehört für viele Menschen zum Alltag. Doch was oft nur als störend empfunden wird, kann ernsthafte Folgen für die Gesundheit haben. Eine neue Analyse zeigt nun, wie groß das Problem in Europa tatsächlich ist.
Laut dem aktuellen Bericht "Umgebungslärm in Europa 2025" der Europäischen Umweltagentur sind 112 Millionen Menschen in Europa von schädlichem Umgebungslärm betroffen – das ist mehr als jeder fünfte Europäer. Hauptverursacher ist der Straßenverkehr: Rund 92 Millionen Menschen sind davon betroffen. Dahinter folgen der Schienenverkehr mit 17,5 Millionen und der Flugverkehr mit 2,5 Millionen Betroffenen.
Als gesundheitsschädlich gilt eine dauerhafte Lärmbelastung von mehr als 55 Dezibel am Tag und 50 Dezibel in der Nacht. Legt man strengere Grenzwerte der Weltgesundheitsorganisation zugrunde, steigt die Zahl der Betroffenen sogar auf rund 30 Prozent der Bevölkerung.
Zur Einordnung:
🍃 30 dB → Flüstern, ruhige Bibliothek
🏠 40–50 dB → ruhige Wohnung, leiser Regen
🗣️ 55 dB → normales Gespräch in 1 Meter Abstand
🚗 60–70 dB → Straßenverkehr, Staubsauger
55 dB wirken auf den ersten Blick harmlos. Problematisch wird es aber, wenn dieser Lärm dauerhaft vorhanden ist – etwa durch Verkehr. Dann kann er den Schlaf stören und langfristig die Gesundheit belasten.
Im Rahmen der END-Richtlinie müssen die Mitgliedstaaten Lärmkarten erstellen (für Österreich abrufbar unter laerminfo.at). Innerhalb Europas gibt es deutliche Unterschiede. Frankreich liegt mit über 24 Millionen Betroffenen an der Spitze. Dort sind die Menschen einem regelmäßigen Umweltlärm von über 55 Dezibel ausgesetzt. Besonders belastet sind Regionen nahe der italienischen Grenze: Provence-Alpes-Côte d’Azur sowie Rhône-Alpes. Auch Deutschland schneidet mit knapp 22 Millionen Betroffenen schlecht ab.
Österreich liegt mit 2,9 Millionen Betroffenen ebenfalls im oberen Bereich. Prozentuell sind hier sogar 32 Prozent der Bevölkerung betroffen – mehr als in Deutschland mit 26 Prozent. Spitzenreiter im Verhältnis zur Bevölkerung sind Luxemburg (68 Prozent), Zypern (52 Prozent) und Frankreich (36 Prozent).
Deutlich ruhiger ist es hingegen in Ländern wie der Slowakei, Estland, Portugal oder Griechenland.
Die Auswirkungen gehen weit über bloße Belästigung hinaus. Dauerhafter Lärm kann Stress und Schlafstörungen verursachen – und damit langfristig zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder psychischen Problemen führen.
Auch Kinder sind betroffen: Lärm wird mit Übergewicht und Lernproblemen in Verbindung gebracht.
Neben den gesundheitlichen Folgen entstehen auch massive wirtschaftliche Schäden. Laut Bericht verliert Europa jährlich rund 95,6 Milliarden Euro, weil Lärmbelastung zu Krankheit und verlorenen Lebensjahren führt. Damit zählt Lärm zu den größten Umweltproblemen – direkt hinter Luftverschmutzung und Klimafaktoren.
Nicht nur Menschen sind betroffen: Lärm stört auch Tiere in ihrem Verhalten und ihrer Kommunikation. Laut Umweltagentur sind 29 Prozent der geschützten Natura-2000-Gebiete durch Verkehrslärm beeinträchtigt. Auch unter Wasser stellt Schiffsverkehr ein Problem dar – etwa im Ärmelkanal, der Straße von Gibraltar und in der Adria.
Die EU hatte sich vorgenommen, die Zahl der Betroffenen bis 2030 um 30 Prozent zu senken. Doch bisher ist die Belastung nur um drei Prozent zurückgegangen. Experten halten das Ziel ohne zusätzliche Maßnahmen für kaum erreichbar.
Kurzfristig könnten bereits einfache Maßnahmen Wirkung zeigen – etwa niedrigere Tempolimits. Tempo 100 auf Autobahnen könnte die Lärmbelastung um rund 20 Prozent senken. Langfristig setzen Fachleute auf mehr Grünflächen und ruhige Rückzugsorte in Städten. Aktuell hat jedoch nur etwa ein Drittel der Stadtbevölkerung Zugang zu solchen Bereichen in unmittelbarer Nähe.