Wenige Handgriffe einer vermeintlichen Fachkraft kosteten eine Wienerin viel Geld und jede Menge Nerven. Wie am Montag am Wiener Landesgericht klar wird, wurde die wackere Wohnungsbesitzerin wohl Opfer einer professionellen Betrügerbande. Die Wienerin musste im April 2024 einen Schlüsseldienst rufen. Im Netz fand sie unter den ersten Sucheinträgen eine professionell wirkende Webseite des Schlüsseldienstes "MR Service 24", auf der Kunden rasche und kompetente Schlosser-Hilfe zu leistbaren Preisen angeboten wurde – ein Trugschluss.
Denn völliges Unvermögen des Fake-Monteurs kostete die Vermieterin ein kleines Vermögen. "Mir wurden zweimal 578 Euro abgebucht und eine kaputte Tür mit zwei Löchern hinterlassen", so die 64-Jährige, die den hilflos wirkenden Monteur auf Fotos bei der Polizei erkannt hat und nun andere warnen will. "Er konnte erst das Schloss nicht austauschen und musste dann Hilfe holen. Plötzlich standen drei Mitarbeiter vor der Tür, doch keinem gelang der Tausch."
Der 22-jährige Verdächtige wurde in Deutschland aufgespürt. Vor Gericht bestritt der schmächtige Schulabbrecher aus Gelsenkirchen seinen Einsatz vor Ort allerdings, wollte nur in Salzburg Aufsperr-Aufträge – für die er mit YouTube-Videos geschult worden war – ausgeführt haben. Allerdings: "Wenn ich nicht helfen konnte, habe ich auch nichts verlangt", beteuerte der türkischstämmige Deutsche, der von Jurist Nicholas Kogler (Kanzlei Sascha Flatz) verteidigt wurde.
Als Monteur bekam er ohnehin "so gut wie nichts" von den überzogenen Rechnungssummen, zu denen Mitarbeiter "von oben" animiert wurden. "Was da abgegangen ist, konnte ich nicht übers Herz bringen", erklärte der junge Mann, der selbst nie den Bogen überspannt haben will. "Wir ermitteln gegen mehr als Hundert verdächtige Personen der internationalen Organisation, es gibt allein 15 verschiedene Firmen mit Scheinadressen und mehr als 1.400 Fakten", gab ein Ermittler im Zeugenstand Einblicke in die akribische Arbeit der "Soko Schlüsseldienst".
Dennoch versuchen Kriminalisten und Staatsanwaltschaft seit 2019 vergeblich, den mittels Briefkastenfirmen, Telefon und Chat-Gruppen organisierten Handwerker-Hintermännern das Handwerk zu legen. Weil zwei Schlüsseldienst-Opfer nicht auftauchten, musste der Prozess wegen gewerbsmäßigen Betruges und krimineller Vereinigung schließlich vertagt werden. Die Unschuldsvermutung gilt.