Mitten in Wien-Ottakring, hinter dem Tresen eines unscheinbaren Handyshops, soll laut Ermittlern das Geschäft mit der Schlepperei gebrummt haben. Hier wurden angeblich Routen geplant, Geld gezählt und Kontakte gepflegt – und das in einer Dimension, die selbst die Polizei überraschte. Recherchen des "Standard" bringen nun neue brisante Details ans Licht. Alle Beschuldigten bestreiten die Vorwürfe, es gilt die Unschuldsvermutung.
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Bei Hausdurchsuchungen stellten Beamte Fotos von dicken Geldbündeln sicher, dazu Bilder von zahlreichen Reisepässen und Chats mit bekannten Schleppern. Mehrere Spuren führten direkt vom Shop in die internationale Schleuser-Szene. Inzwischen kam es zu mehreren Festnahmen, auch im mutmaßlichen Führungszirkel.
Neue Auswertungen zeigen: Die mutmaßlichen Schleppungen liefen nahezu pausenlos. Ein Beschuldigter soll Kontakt zu 616 Schleppern gehabt haben. Ein weiterer gab bei der Polizei an, allein im Jahr 2023 für den Transport von 72.000 Menschen verantwortlich gewesen zu sein.
Die Routen führten vor allem von Ungarn nach Österreich und weiter nach Deutschland. Wegen der enormen Dimension schaltete sich Europol ein, Ermittler aus mehreren Ländern arbeiten inzwischen zusammen.
Als Kopf der Gruppe gilt ein 46-jähriger Afghane mit dem Spitznamen "Alik". Er behauptet, nur im Shop gearbeitet zu haben. Er wird in Chats jedoch klar als "Chef" bezeichnet. Sein Handy zeigt ein weit verzweigtes Netzwerk, quer durch Europa. Einige Kontakte stuft Europol sogar als besonders heikel ein, mit möglichem Terror-Bezug.
Chats und Standortdaten sollen belegen, dass Schleppungen direkt gesteuert wurden. Das Netzwerk reichte laut Ermittlern von Griechenland über den Balkan bis nach Deutschland und weiter nach Nordeuropa.
Wie der "Standard" berichtet, fanden Ermittler auf "Aliks" Smartphone auch Videos und Fotos von mutmaßlichen Fälscher-Werkstätten. Zu sehen seien gefälschte Ausweise, Reisepässe und Aufenthaltstitel.
Zusätzlich soll im Shop ein illegales Hawala-System gelaufen sein. Dabei wird Geld ohne Banken transferiert, schnell und kaum nachvollziehbar. "Alik" gab laut Polizei an, dafür Provision kassiert zu haben. In Chats geht es um Summen von 20.000 Euro und mehr.
Der frühere Shopchef soll laut "Standard" auch als Geldkurier gedient haben. Bargeld wurde quer durch Wien transportiert, unter anderem in den 10. Bezirk. Auf seinem Handy fanden Ermittler Belege für Geldtransfers zwischen bekannten Schleppern – abgewickelt direkt im Shop.
Konfrontiert mit den Vorwürfen, sagte der Ex-Inhaber laut Polizei nur: "Keine Ahnung." Die Ermittlungen laufen weiter.