Eric (Name geändert) durchstöbert gerade einen Social-Media-Kanal mit Pornos. Plötzlich bleibt ihm fast das Herz stehen: Im Video sieht er sich selbst und seine Freundin, wie sie ein Hotelzimmer betreten, ihre Taschen abstellen und später miteinander schlafen. Das Ganze passierte im Jahr 2023. Eric kein Einzelfall – das Problem ist viel größer, als viele denken.
Sogenannte Spy-Cam-Pornos zeigen Paare, die ohne ihr Wissen mit versteckten Kameras – oft in Hotels – gefilmt werden. Die BBC-Recherche, über die "20 Minuten" berichtet, zeigt, dass hinter diesen Videos richtige Netzwerke stehen, die damit ordentlich Kasse machen.
Ein Reporterteam hat sich undercover in diese Szene eingeschleust. Dabei sind sie auf einen Agenten mit dem Decknamen "AKA" gestoßen. Für umgerechnet 55 Franken im Monat bekamen Kunden Zugang zu Livestream-Plattformen. Dort konnten sie zwischen mehreren Kanälen wechseln und anderen Paaren beim Sex zuschauen – natürlich ohne dass die Betroffenen etwas davon ahnten.
In den dazugehörigen Chats, in denen bis zu 10.000 Leute unterwegs waren, soll es laut den Journalisten richtig heftig zugegangen sein. Die Nutzer haben sich über das Aussehen der Hotelgäste lustig gemacht und deren sexuelle Leistung bewertet. Frauen wurden als "Schlampen" und "Huren" beschimpft. Schaltete ein Paar das Licht aus, gab es sofort laute Beschwerden im Chat.
Die Technik ist inzwischen so ausgeklügelt, dass normale Leute kaum mehr eine Chance haben, sich zu schützen. Das BBC-Team hat zum Beispiel in einem Hotelzimmer in Zhengzhou eine Kamera in einer Lüftungsöffnung gefunden – direkt ans Stromnetz angeschlossen. Selbst ein handelsüblicher Detektor hat nichts angezeigt.
Als die Reporter die Kamera abschalteten, haben sich die Nutzer im Chat sofort über den Ausfall beschwert. Agent "AKA" hat blitzschnell reagiert und den Livestream einfach auf eine andere Kamera in einem anderen Hotel umgestellt. "Das ist die Geschwindigkeit unserer Plattform", prahlte er.
Allein Agent "AKA" soll seit April letzten Jahres rund 20.000 Dollar mit dem Geschäft verdient haben – ein Vielfaches vom durchschnittlichen Lohn in China. Die versteckten Kameras werden von Helfern angebracht.
Die Plattformen, auf denen die Sex-Videos landen, tun laut BBC wenig gegen das Problem. Telegram hat auf die Hinweise der BBC zuerst gar nicht reagiert. Erst als die Recherche-Ergebnisse direkt vorgelegt wurden, gab es eine Antwort: Man lösche und moderiere Inhalte proaktiv. Die Konten der Agenten waren kurz darauf verschwunden – aber die Livestream-Webseite blieb trotzdem online.
Für Eric und seine Freundin Emily (Name geändert) hat das Ganze schwere Folgen. Sie tragen in der Öffentlichkeit jetzt immer Hüte, weil sie Angst haben, erkannt zu werden. Hotels meiden sie, wo es nur geht. "Was mich früher anzog, war die Tatsache, dass die Leute nicht wussten, dass sie gefilmt wurden", gesteht Eric. Seit er selbst Opfer wurde, schaut er sich solche Videos nicht mehr an.