Angstspirale

Angst außer Kontrolle – so besiegst du die Panikattacke

Panikattacken treffen oft unerwartet und können das Leben stark einschränken. Experten erklären Ursachen und Wege aus dem Angstkreislauf.
Heute Life
11.11.2025, 20:15
Hör dir den Artikel an:
00:00 / 02:45
1X
BotTalk
Loading...
Angemeldet als Hier findest du deine letzten Kommentare
Alle Kommentare
Meine Kommentare
Sortieren nach:

Kommentare neu laden
Nach oben

Das Gefühl trifft dich oft aus heiterem Himmel. Du bist vielleicht gerade im Bus unterwegs, sitzt in der Arbeit oder daheim auf der Couch. Plötzlich rast dein Herz, das Atmen fällt schwer, dir wird übel und der Schweiß bricht aus allen Poren. Minutenlang – manchmal sogar bis zu 20 Minuten – hält dich die Panik fest im Griff, bis sie endlich wieder abklingt. Zurück bleibst du oft völlig verängstigt und fragst dich: Woher kommt dieser körperliche und seelische Überfall?

"Teufelskreis der Angst"

Dahinter steckt oft eine Panikstörung. Marion Freidl, Psychiaterin an der Verhaltenstherapiestation der MedUni Wien, erklärt: "Es ist ein Teufelskreis der Angst. Zuerst spürt man die körperlichen Symptome, wie das Herzrasen. Dann kommt die Sorge, es könnte etwas Gefährliches wie ein Herzinfarkt sein. Das löst noch mehr Angst aus und verstärkt die Symptome weiter. Am Ende hast du Angst, ohnmächtig oder verrückt zu werden oder sogar zu sterben. Die Existenzangst wird riesig."

Auslöser ist der Sympathikus, ein Teil des autonomen Nervensystems, das du nicht bewusst steuern kannst. Gemeinsam mit dem Parasympathikus sorgt er für die Balance zwischen Anspannung und Entspannung. Der Parasympathikus bringt den Körper zur Ruhe, etwa beim Verdauen. Der Sympathikus dagegen aktiviert dich, zum Beispiel bei Freude oder Sport – das Herz schlägt schneller, der Blutdruck steigt, du bist konzentriert. Er macht dich kampf- oder fluchtbereit. Genau diese Reaktion tritt auch bei einer Panikattacke auf. "Wenn der Sympathikus zu stark reagiert, gerät das System aus dem Gleichgewicht. Und wenn man nicht weiß, warum das passiert, entsteht große Unsicherheit und Angst", so Freidl. Viele ziehen sich dann immer mehr zurück, aus Angst vor der nächsten Attacke. Depressionen und Sozialphobien können die Lebensqualität stark einschränken.

Warum bekommen Menschen überhaupt Panikstörungen?

Die genauen Ursachen sind oft unklar. Frauen sind doppelt so häufig betroffen wie Männer, und es kann in jedem Alter auftreten. "Man weiß aber, dass sie eine Folge von Stress sein können", sagt Freidl. "Manchmal gibt es einen Auslöser, etwa ein traumatisches Erlebnis wie einen Todesfall oder eine Trennung." Meistens kommen mehrere Faktoren zusammen – privater und beruflicher Stress, Schlafprobleme, Depressionen. Das alles kann Panikattacken auslösen. Du bist damit nicht allein: Fast jeder Dritte erlebt im Leben mindestens eine Panikattacke, 10 bis 16 Prozent entwickeln eine Panikstörung. "Von einer Störung spricht man erst, wenn die Attacken über mehrere Wochen immer wieder auftreten."

Panikstörung vs. Phobie

Vor der Diagnose Panikstörung muss laut Freidl immer eine genaue körperliche Untersuchung gemacht werden, inklusive Blutbild und EKG. Denn auch organische Probleme wie eine Schilddrüsenerkrankung oder hormonelle Störungen können ähnliche Symptome verursachen. Wichtig ist auch, eine Panikstörung von einer Phobie zu unterscheiden. Bei einer Phobie hast du gezielt in bestimmten Situationen Angst – etwa bei Agoraphobie (Angst vor großen Plätzen) oder Klaustrophobie (Angst vor engen Räumen). "Die Ängste sind hier gerichtet und damit keine Panikstörung. Die Personen fürchten sich in dieser konkreten Situation, etwa, dass sie nicht flüchten können. Eine Panikstörung tritt überraschend und ohne Vorwarnung auf." Allerdings kann eine Phobie auch Panikattacken auslösen, nämlich dann, wenn im Alltag die Angst vor einer solchen Situation übermächtig wird.

Aus der Angstspirale ausbrechen

Um aus der Angstspirale auszubrechen, solltest du dir möglichst rasch professionelle Hilfe holen. Besonders hilfreich ist laut Freidl die kognitive Verhaltenstherapie. "Dabei werden verschiedene Übungen und Experimente gemacht, wie man mit angstauslösenden Situationen umgehen kann. Oft spricht man vorher die schlimmsten Befürchtungen aus – etwa, dass das Herz stehen bleibt und man stirbt. Dann beobachtet man in der Situation, ob das wirklich passiert – und merkt: Das Schlimmste tritt nicht ein." Schritt für Schritt gewinnst du so wieder Kontrolle über dein Leben zurück. Achtsamkeitsübungen und tiefe Bauchatmung helfen zusätzlich. "Alles, was das Körpergefühl verbessert, ist hilfreich. Die Kontrolle über die Atmung genauso wie Meditation." Auch Gruppentherapien haben sich bewährt. "Der Austausch mit anderen, wie es ihnen geht und was ihnen hilft, kann sehr heilsam sein." So kann auch das Selbstwertgefühl wieder gestärkt werden.

Medikamentöse Unterstützung

Manchmal setzen Fachärzte auch Medikamente ein, vor allem selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI), die bei Depressionen und chronischer Angst helfen. "Die Wirkung tritt nicht sofort, sondern erst nach zwei bis drei Wochen ein, weshalb diese Medikamente auch nicht suchterregend sind", sagt Freidl. Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen, Libidoverlust oder Schlafstörungen sind möglich. Benzodiazepine, die schnell gegen Angst wirken, sollten nur im Notfall verwendet werden. "Sie machen sehr schnell süchtig. Wichtig ist, eine nachhaltige Lösung zu finden, um die Panikstörung zu überwinden."

{title && {title} } red, {title && {title} } 11.11.2025, 20:15
Jetzt E-Paper lesen