Aufwühlender Praxisbericht

Pfleger am Limit: "Überlastet durch 12-Stunden-Schicht"

In einem Pflegeheim in Korneuburg schuften Pflegekräfte 12 Stunden am Tag, laufen mittlerweile am Zahnfleisch. Sie fordern bessere Arbeitsbedingungen.
06.02.2026, 05:00
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Ein Praxisbericht aus der stationären Pflege im PBZ Korneuburg zeigt, wie weit Theorie und Realität inzwischen auseinanderliegen. Erst 2024 wurde der 28 Millionen Euro schwere Neubau feierlich eröffnet. Eineinhalb Jahre später schildert eine Pflegekraft die beinharten Arbeitsbedingungen, die derzeit vorherrschen.

Während die Leitung das aktuelle 3-Gruppen-System als "tragbar" und den Personalschlüssel als "gut" bezeichne, zeichnet eine erfahrene Pflegekraft ein völlig anderes Bild: massive Überlastung, körperliche Schwerstarbeit und permanente Gefährdung – für Personal und Bewohner gleichermaßen.

Für 12 betreuungsintensive Bewohner verantwortlich

In einer 12-Stunden-Schicht trage die Pflegeperson die Verantwortung für zwölf Bewohner, viele davon Schwerstpflegefälle, dement, bettlägerig oder hochgradig pflegeabhängig. Der Dienst beginnt frühmorgens mit Medikamentenrunden, Blutzuckerkontrollen und Frühstückshilfe – oft inklusive PEG-Sondenernährung. Gleichzeitig läuten ständig Notrufglocken, Bewohner müssen beruhigt, umgelagert oder akut versorgt werden.

Danach folgt die Grundpflege im Akkord: Waschen, Einlagenwechsel, Hautkontrollen, Dekubitus-Prophylaxe, Mobilisation mit Liftern, Katheter- und Inkontinenzversorgung.

Viele Bewohner sind emotional stark belastet, benötigen Gespräche, Zuspruch oder intensive Betreuung bei Angst und Demenz. "Ohne diese menschliche Zuwendung würden manche ihre Medikamente gar nicht nehmen", erzählt die Pflegekraft, die anonym bleiben möchte.

Besonders belastend für die Angestellten sind die schweren Transfers, massive Verunreinigungen und permanente Zeitnot. Gleichzeitig muss alles lückenlos dokumentiert werden – oft zwischen zwei Handgriffen oder im Stehen. Die Dokumentation ist die einzige rechtliche Absicherung, echte Pausen gibt es laut der Pflegekraft kaum.

Keine Entlastung am Nachmittag

Auch der Nachmittag bringt der Pflegekraft keine Entlastung: Eine schnelle Jause zwischendurch muss reichen, um den Hunger zu stillen. Denn nur kurz darauf warten erneute Inkontinenz-Runden, Vitalwertkontrollen, Gesprächstherapie und ständiges Multitasking.

Ab dem späten Nachmittag müssen alle Bewohner innerhalb kürzester Zeit bettfertig gemacht werden, inklusive Lagerung und Hautschutz für die Nacht. Parallel laufen Abendmedikation, Essenshilfe und Notrufe. Kurz vor Dienstende wird dokumentiert und an den Nachtdienst übergeben – nach 12 Stunden Dauerbelastung.

„Wir sind Menschen, keine Maschinen. Wenn ihr so weitermacht, verliert ihr euer Personal.“
PflegekraftPflege- und Betreuungszentrum Korneuburg

Die Pflegekraft möchte nicht jammern, sondern vor einem aus ihrer Sicht realen Kollaps des Pflegeheims in Korneuburg warnen. "Ein 12-Stunden-Dienst mit nur drei Gruppen ist langfristig nicht tragbar. Die Arbeit wird zur körperlichen Schwerstarbeit im Akkord, Zeit für echte Zuwendung fehlt und so werden Fehler immer wahrscheinlicher", erzählt sie weiter. Das System basiere für sie mittlerweile nur noch auf Selbstausbeutung und mache die Pflegekräfte schlichtweg krank.

Der eindringliche Appell an die Heimleitung ist klar und deutlich: die Rückkehr zum 4-Gruppen-System, echte Entlastung und bessere Rahmenbedingungen. Andernfalls drohe der völlige Verlust von Fachpersonal: "Wir sind Menschen, keine Maschinen. Wenn ihr so weitermacht, verliert ihr euer Personal."

"Wohl der Mitarbeiter ist uns ein großes Anliegen

Auf "Heute"-Anfrage heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme seitens der NÖ Landesgesundheitsagentur: "Das Wohl und die Gesundheit unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist uns ein großes Anliegen, weshalb wir derartige Vorwürfe sehr ernst nehmen."

Coaching, Supervisionen, Arbeitspsychologen

"Sollten einzelne Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter Unterstützung benötigen, bieten wir daher laufend konkrete Maßnahmen in Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat an. Neben Coaching, Supervisionen und Angeboten des Arbeitspsychologen stehen eine Vielzahl an Fort- und Weiterbildungen zur Verfügung. Zudem werden in regelmäßigen Abständen MitarbeiterInnenbefragungen sowie Evaluierungen der psychischen Belastungen durchgeführt. Auch bei der Dienstplangestaltung wird, so weit wie möglich, auf die individuellen Bedürfnisse der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eingegangen", heißt es weiter.

"Die jeweilige Pflegegruppe der Bewohnerinnen und Bewohner wird je nach pflegerischem Erfordernis vom jeweiligen Berufsgruppenmix im Team gepflegt und betreut. Der vorgegebene Personalschlüssel wird erfüllt. Von den Pflege- und Betreuungsmanagerinnen der einzelnen Bereiche wird tagesaktuell wohnbereichsübergreifend auf Krankenstände etc. reagiert. Diese sind auch die ersten Ansprechpersonen für ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei Belastungssituationen, persönlichen Problemen und mehr."

Pflegepool bei Personal-Ausfällen

"Im Rahmen eines Audits durch eine externe Stelle wurde das Pflegezentrum in vielen Bereichen als Best practice beschrieben. Im Zuge dessen wurden auch Gespräche mit Pflegekräften und Bewohnerinnen/Bewohnern geführt", betont die Geschäftsführerin der Region Weinviertel, Katja Steininger. "Zusätzlich dient der regionale Pflegepool Weinviertel, der mit 1.1.2026 gestartet ist, zur Entlastung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Hier unterstützen eigene Pool-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die PBZ-Standorte bei kurzfristigen Personal-Ausfällen. Das bedeutet für die Teams an den Standorten einen höheren Grad an Dienstplanstabilität sowie eine Entlastung im Alltag."

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