Die Bauarbeiten sind fast fertig, in ein paar Wochen soll die Polizei in Braunau am Inn ihre neue Wache beziehen. Das helle Steinhaus wirkt unscheinbar, aber seine Geschichte sorgt für Aufregung: Hier ist Adolf Hitler zur Welt gekommen. Über die Nutzung des Gebäudes wurde jahrelang gestritten. Noch immer löst die Umwidmung des Hauses unterschiedliche Gefühle bei den Leuten in der Grenzstadt am Inn aus.
"Es ist ein sehr zweischneidiges Schwert", sagt Sibylle Treiblmaier vor Hitlers Geburtshaus. Zwar könne die Verwendung als Polizeiwache verhindern, dass sich Neonazis dort treffen. "Aber ich finde, man hätte es besser oder anders nutzen können", ist die 53-jährige Büroassistentin überzeugt.
Die Regierung wollte mit dem Umbau eine "Neutralisierung des gesamten Ortes" erreichen und hat 2016 ein Gesetz beschlossen, um die baufällige Immobilie vom privaten Besitzer zu übernehmen. Davor hatte das Innenministerium das Haus schon gemietet und unter anderem als Einrichtung für Menschen mit Behinderung genutzt.
Österreich kämpft seit Jahrzehnten mit seiner nationalsozialistischen Vergangenheit. 1938 hat Hitler das Nachbarland annektiert, der "Anschluss" ans Deutsche Reich wurde von vielen Österreichern bejubelt. Während der Nazi-Zeit wurden rund 65.000 österreichische Juden ermordet und 130.000 ins Exil getrieben. Österreich wird international immer wieder vorgeworfen, seine Mitverantwortung für den Holocaust nicht ganz einzugestehen.
Bis zum Vorjahr trugen in Braunau am Inn noch zwei Straßen die Namen von Nazis; erst nach langem Protest von Aktivisten wurden sie umbenannt.
Das Haus, in dem Hitler am 20. April 1889 geboren wurde und als kleines Kind kurz gelebt hat, steht mitten im Stadtzentrum in einer schmalen Geschäftsstraße. Auf einem Gedenkstein davor steht: "Für Frieden, Freiheit und Demokratie. Nie wieder Faschismus. Millionen Tote mahnen."
Laut Innenministerium sollen die Polizisten im "zweiten Quartal 2026" einziehen. Autor Ludwig Laher, Mitglied des Mauthausen-Komitees Österreich, das Holocaust-Opfer vertritt, sieht das kritisch: "Eine Polizeistation ist deshalb problematisch, weil die Polizei in jedem politischen System das, was der Staat will, zu schützen hat", sagt er. "Widerstand innerhalb der Polizei ist ein seltenes Phänomen."
Laher verweist auf die Idee, das Gebäude in ein "Haus der Verantwortung" umzuwandeln – eine internationale Begegnungsstätte für Völkerverständigung und Friedensarbeit. Dieser Plan habe "viel Zuspruch gefunden", sagt Laher. Das Büro des konservativen Bürgermeisters von Braunau wollte gegenüber der Nachrichtenagentur AFP keine Stellungnahme abgeben.
Jasmin Stadler, eine Ladenbesitzerin und gebürtige Braunauerin, hätte sich gewünscht, Hitlers Geburtshaus zu einem Ort der Geschichte zu machen. "Es wäre spannender, das geschichtlich aufzuarbeiten", sagt die 34-Jährige. Durch die Polizeistation werde das Haus wieder zu einem unzugänglichen Ort, kritisiert sie. Auch die Kosten für den Umbau – 20 Millionen Euro – findet sie zu hoch.
Wolfgang Leithner findet es hingegen "vernünftig, das Gebäude zu nutzen und es der Polizei zu geben, der öffentlichen Hand". Die Diskussion um das Geburtshaus Hitlers werde damit aber wohl nicht vorbei sein, glaubt der 57-jährige Elektrotechniker. Er hofft, dass zumindest keine Rechtsextremen mehr nach Braunau kommen und "ein bisschen Ruhe reinkommt in das Ganze".