Nach den geschilderten Ausschreitungen in Frankreich wächst die Sorge, dass es auch in anderen europäischen Ländern zu schweren Krawallen kommen könnte. Zwei Experten halten eine ähnliche Eskalation in Deutschland für möglich. Sie sehen vor allem die Gefahr, dass friedliche Proteste von gewaltbereiten Gruppen für ihre Zwecke genutzt werden.
Die Berichte über die Unruhen zeichnen ein dramatisches Bild: In mehreren französischen Großstädten soll es zu Plünderungen, Brandanschlägen und Angriffen auf Polizisten gekommen sein.
Am Samstag sollen in Frankreich mindestens 550.000 Menschen an Demonstrationen teilgenommen haben. Laut den vorliegenden Angaben wurden mehr als 1.800 Personen festgenommen, Hunderte Einsatzkräfte sollen verletzt worden sein.
Auch am Sonntag seien die Ausschreitungen weitergegangen. Besonders schwere Schäden werden aus Limoges gemeldet. Dort sollen Vermummte das historische Rathaus angezündet haben. Dem Bericht zufolge wurde das Gebäude zerstört, der Turm stürzte ein.
Das Rathaus wird darin auch mit der französischen Widerstandsbewegung Résistance gegen das nationalsozialistische Deutschland in Verbindung gebracht. Weitere schwere Zwischenfälle soll es in Paris, Marseille und Lyon gegeben haben.
Die Berichte über Gewalt beschränken sich nicht auf Frankreich. In Mailand soll es in der Nacht auf Sonntag ebenfalls zu Ausschreitungen und Plünderungen gekommen sein. Dabei seien mindestens 160 Menschen festgenommen worden.
Ob zwischen den Ereignissen in Frankreich und Italien ein direkter Zusammenhang besteht, geht aus den vorliegenden Angaben nicht hervor.
Der Extremismus-Experte Ahmad Mansour warnt gegenüber der deutschen Zeitung BILD davor, die Ereignisse ausschließlich als Proteste von Schülern einzuordnen.
"Wer noch von Schulprotesten spricht, hat keinen Bezug zur Realität, wenn es um Frankreich die letzten Tage geht. Die Schülerproteste wurden von linksradikalen und migrantischen Gruppierungen instrumentalisiert und übernommen", erklärt Mansour gegenüber der "Bild".
Mansour unterscheidet damit zwischen friedlichen Demonstranten und jenen Gruppen, denen er eine gezielte Eskalation vorwirft. Auf die Frage, ob vergleichbare Ausschreitungen auch in Deutschland möglich seien, antwortet er: "Ja, diese Gefahr besteht!"
Er begründet seine Einschätzung mit Aktivitäten linksradikaler Gruppen. "Vor allem, weil gezielt auch seit Tagen linksradikale Gruppen versuchen, genau das nach Deutschland zu bringen. Wir haben jetzt friedliche Auseinandersetzungen in Schulen in Deutschland. Aber das könnte sehr, sehr schnell umkippen", heißt es in der "Bild".
Auch die Islamwissenschaftlerin Susanne Schröter von der Goethe-Universität Frankfurt hält ähnliche Gewaltausbrüche in Deutschland für denkbar. Sie sieht einen Zusammenhang mit Problemen in der Migrationspolitik.
"Seit Jahren kommt es in Frankreich zu massiven Gewaltausbrüchen, die ihre Ursache in der dysfunktionalen Migrationspolitik haben. Bei uns wären solche Gewaltexzesse ebenfalls möglich, wenn sich an der Migrationspolitik nichts ändert", erklärt Schröter der "Bild".
Darüber hinaus wirft Schröter linksradikalen Gruppen vor, gemeinsam mit Islamisten gegen die französische Gesellschaft zu mobilisieren. "Die Proteste in Frankreich werden von Linksradikalen angeheizt, die seit Jahren mit Islamisten gegen die französische Gesellschaft mobil machen."
Besonders weit geht ihre Einschätzung zur Lage in einzelnen Stadtvierteln: "Ganze Viertel größerer Städte stehen unter der Kontrolle von Salafisten, die von kommunistischen Bürgermeistern gefördert werden."
Dabei handelt es sich um die Bewertung der Wissenschaftlerin. Unabhängige Belege für diese weitreichenden Vorwürfe enthält der Ausgangsbericht nicht.
Mansour sieht bei einem Teil der gewaltbereiten Gruppen auch eine grundsätzliche Ablehnung demokratischer Gesellschaften als möglichen Antrieb.
"Man verachtet Frankreich, Deutschland, weil sie westlich sind, weil die anders funktionieren, weil die demokratisch sind, weil die Werte haben, die sie nicht teilen und nicht gut finden. Und das senkt die Hemmschwelle, gegen sie auch Gewalt anzuwenden", sagt der Experte der "Bild".
Seine Aussagen beziehen sich auf die von ihm kritisierten Gruppen und lassen sich nicht auf sämtliche Demonstranten oder Menschen mit Migrationshintergrund übertragen.
Neben politischen und gesellschaftlichen Spannungen spielen laut dem Bericht auch wirtschaftliche Probleme eine Rolle. In Frankreich und Deutschland belasten steigende Lebenshaltungskosten viele Haushalte. Wohnraum wird knapper und teurer, gleichzeitig stehen öffentliche Leistungen unter Spardruck.
Hinzu kommen Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt. Unternehmen bauen Stellen ab oder verzichten auf Neueinstellungen. Der französische Politikwissenschaftler Jérôme Fourquet beschreibt die Stimmung in seinem Land entsprechend düster.
"In Frankreich herrscht eine Art Endzeitstimmung. Die Leute sehen, dass überall Investitionen überfällig, aber die Kassen leer sind. Sie fühlen sich abgehängt", sagt Jérôme Fourquet gegenüber der Boulevardzeitung.
Ob sich die geschilderten Ausschreitungen tatsächlich auf weitere Länder ausweiten, bleibt offen. Die Experten warnen vor einer möglichen Eskalation, eine konkrete Vorhersage lässt sich daraus nicht ableiten.