Brennende Autos, fliegende Steine und heftige Straßenschlachten mit der Polizei: In Albanien ist die Gewalt bei den Protesten gegen die Regierung am Samstag erneut eskaliert. Den fünften Tag in Folge lieferten sich Demonstranten und Einsatzkräfte in der Hauptstadt Tirana schwere Zusammenstöße. Mittendrin: zahlreiche Schüler und Studenten, die den Rücktritt von Ministerpräsident Edi Rama fordern.
Vor dem Bildungsministerium bewarfen teils vermummte Demonstranten die Polizei mit Steinen, Feuerwerkskörpern und Molotowcocktails. Mülltonnen und Fahrzeuge gingen in Flammen auf. Die Einsatzkräfte reagierten mit Wasserwerfern, Tränengas und erstmals auch mit Gummigeschossen.
Wie groß die Wut unter den jungen Albanern mittlerweile ist, zeigt die Geschichte des 19-jährigen George. Der Medizinstudent arbeitet neben seiner Ausbildung als Elektriker, um sein Studium finanzieren zu können, wie er der britischen BBC vor Ort erzählt. Am Samstag stand er mit Schutzbrille, vermummtem Gesicht und zwei Steinen in den Händen vor dem ausgebrannten Bildungsministerium.
„Wir waren 135 Tage lang friedlich. Jetzt versuchen wir es wie in Frankreich. Wir versuchen, eine Revolution zu machen.“Demonstrant "George" zur britischen BBC
Auch die erst 17-jährige Studentin Klea geht auf die Straße. Sie berichtet, dass Studenten ihre Lehrveranstaltungen boykottieren, um für ihre Rechte zu kämpfen. Gleichzeitig behauptet sie, dass Provokateure gezielt Geschäfte und Banken zerstören würden, um die Protestbewegung in Verruf zu bringen. Belege für diese Vorwürfe gibt es bisher nicht.
Am Samstagnachmittag verlagerte sich die Gewalt vom Bildungsministerium direkt vor den Amtssitz von Ministerpräsident Rama. Dort schwoll die Menschenmenge weiter an. Demonstranten schleuderten Pflastersteine und Feuerwerkskörper auf Polizisten, die mit massiven Tränengaseinsätzen antworteten.
Viele Protestierende hatten sich auf die Auseinandersetzungen vorbereitet. Sie trugen Gasmasken und Schutzbrillen. Freiwillige verteilten Kochsalzlösung, um Betroffenen das Tränengas aus den Augen zu spülen.
Am Abend rückten zusätzliche Spezialeinheiten an. In den Straßen lagen Glasscherben und verkohlte Trümmer, dichter Rauch zog durch die Innenstadt.
Die Bilanz nach fünf Tagen ist heftig. Nach Polizeiangaben wurden 167 Menschen festgenommen, 132 Polizisten erlitten Verletzungen. Allein am Samstag mussten neun Demonstranten und vier Polizisten medizinisch versorgt werden.
Auch das Vorgehen der Polizei sorgt für Kritik. Sieben Beamte wurden vorläufig suspendiert. Gegen sie wird wegen des Verdachts auf übermäßige Gewaltanwendung ermittelt.
Die Proteste haben längst eine politische Dimension erreicht. Was mit Forderungen nach besseren Studienbedingungen, niedrigeren Gebühren und mehr Arbeitsplätzen begann, ist mittlerweile zu einer breiten Bewegung gegen die Regierung geworden.
Zusätzlichen Zündstoff liefern Korruptionsermittlungen im Umfeld von Ministerpräsident Rama. Laut BBC wurde Geheimdienstchefin Vlora Hyseni festgenommen. Ihr wird vorgeworfen, einem einflussreichen Geschäftsmann und Vertrauten Ramas geholfen zu haben, sich der Justiz zu entziehen.
Mehrere albanische Medien werfen dem Geschäftsmann vor, als Verbindungsmann zwischen der Regierungsspitze und der organisierten Kriminalität fungiert zu haben. Diese Anschuldigungen sind nicht bewiesen. Rama bestätigt, den Mann zu kennen, bestreitet aber, von illegalen Geschäften gewusst zu haben.
Schon seit dem Frühsommer gibt es Proteste gegen ein umstrittenes Luxus-Tourismusprojekt an der albanischen Küste. Das Bauvorhaben in einem Naturschutzgebiet steht mit einer Investmentfirma von Jared Kushner, dem Schwiegersohn von US-Präsident Donald Trump, in Verbindung. Kritiker werfen der Regierung mangelnde Transparenz und Korruption vor.
Rama selbst denkt trotz der Ausschreitungen nicht an Rücktritt. Er macht die konservative Opposition für die Gewalt verantwortlich und behauptet, auch ausländische Kräfte wollten Albaniens Weg in die EU sabotieren. Konkrete Namen nennt er nicht.
Politisch sitzt der seit 2013 regierende Rama weiterhin fest im Sattel. Seine Sozialistische Partei verfügt über 83 der 140 Sitze im Parlament, die nächsten regulären Wahlen sind erst 2029 vorgesehen. Doch auf den Straßen von Tirana verlangen immer mehr junge Menschen einen politischen Neuanfang.