Die Kläranlage in Wien-Simmering produziert bereits mehr Energie, als sie für die Abwasserreinigung benötigt. Jetzt soll noch mehr Sonnenstrom dazukommen – und zwar auf Flächen, die bisher für Photovoltaik kaum nutzbar waren.
Bis Juni 2027 errichtet die ebswien über dem Becken "Vorklärung West 2" ein rund 57 Tonnen schweres Solarfaltdach mit einer Leistung von 262 kWp. Die 1.750 Quadratmeter große Anlage besteht aus 504 Modulen und soll jährlich rund 260 Megawattstunden Strom liefern.
Das Besondere: Die Solarmodule sind an einer Seilkonstruktion befestigt und lassen sich wie ein Vorhang zusammenfalten. Innerhalb von nur 30 Sekunden kann das gesamte Dach ein- oder ausgefahren werden. Damit bleibt das darunterliegende Klärbecken für Wartungsarbeiten erreichbar.
"Oberstes Gebot ist für uns, dass die Abwasserreinigung in keiner Weise beeinträchtigt wird", erläutert Klimastadtrat Jürgen Czernohorszky (SPÖ): "Das Becken muss jederzeit rasch für Wartungsarbeiten erreichbar sein. Eine fix installierte Sonnenstrom-Anlage wäre daher keine Option. Das Solarfaltdach hingegen lässt sich innerhalb von 30 Sekunden ein- oder ausfahren – das macht diese Lösung so attraktiv."
Eine integrierte Wettersteuerung soll das Solardach zudem bei starkem Wind, heftigem Schneefall oder Hagel automatisch einfahren. Die Wiener Kläranlage ist bereits heute ein Energieproduzent. 2025 lag ihr Eigenversorgungsgrad laut Stadt beim Strom bei 110 Prozent und bei der Wärme sogar bei 173 Prozent. Dafür wird unter anderem die im Klärschlamm enthaltene Energie genutzt.
Auch Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) sieht darin einen weiteren Baustein für die Energiewende: "Großflächige Investitionen machen Wien schon jetzt zur drittgrößten Windstrom-Produzentin und zur größten Sonnenstrom-Produzentin Österreichs. Gleichzeitig setzt Wien auch auf kreative und innovative Lösungen. Das faltbare Sonnenstrom-Dach über den Becken der Wiener Kläranlage zeigt diesen Innovationsgeist eindeutig. Wiens Kläranlage sorgt nicht nur für eine saubere Donau, sie erzeugt bereits heute mehr Energie, als für die Abwasserreinigung benötigt wird", so Ludwig.
Das Faltdach ist zunächst ein Pilotprojekt. Funktioniert die Technologie im täglichen Betrieb, könnte sie auf weitere Becken ausgeweitet werden. Das Potenzial ist beträchtlich: Laut einer Machbarkeitsstudie wären insgesamt rund 46.000 Quadratmeter Beckenfläche auf dem Gelände für solche Anlagen geeignet. Das entspricht nahezu sieben Fußballfeldern.
Ein weiterer Ausbau könnte künftig auch deshalb wichtig werden, weil der Strombedarf der Kläranlage steigen dürfte. "In Zukunft ist mit einer deutlichen Steigerung unseres Energiebedarfs zu rechnen. Gleichzeitig müssen wir die Eigenversorgung aus erneuerbaren Energieträgern aufrechterhalten. Daher ist es notwendig, zusätzliche Energiequellen zu erschließen", erklärt ebswien-Geschäftsführer Günther Schmalzer.