Mit 16 wusste Robert Kratky (53) ziemlich genau, wohin sein Leben führen sollte. Er wollte Radio machen, irgendwann den Ö3-Wecker moderieren und ganz nach oben. Diesem Ziel ordnete er beinahe alles unter. Jahrzehnte später hatte er seinen Traum längst erreicht, doch sein Körper und seine Psyche machten irgendwann nicht mehr mit.
In der Biografie "Kratky" von Heike Kossdorff (erscheint am 21. September) zeigt er sich so offen wie selten zuvor. Ein Schlüsselmoment ereignete sich an seinem 47. Geburtstag im Mai 2020. Nach Monaten mit kaum Schlaf, enormem beruflichen Druck und privaten Belastungen brach Kratky zu Hause zusammen. Stundenlang saß er kraftlos auf dem Küchenboden. Erst später wurde ihm klar, wie schlecht es ihm tatsächlich ging. "In Wirklichkeit war ich völlig fertig, ich war einfach am Ende."
Auszeit? Für Kratky damals undenkbar. Selbst als er sich schließlich psychiatrische und therapeutische Hilfe suchte und zeitweise im Krankenhaus behandelt wurde, wollte er keine Wecker-Sendung ausfallen lassen. Morgens verließ er entgegen ärztlichem Rat die Klinik, um ins Studio zu fahren. Über sich selbst sagt er rückblickend: "Ich glaube nicht, dass es irgendjemanden gegeben hat, der je so hart zu mir war wie ich selbst."
Der Druck blieb. 2024 traf ihn zusätzlich die heftige öffentliche Debatte um sein ORF-Gehalt. Die Kritik, Beschimpfungen und sogar Drohungen hinterließen Spuren. Vor allem verletzte ihn, dass er das Gefühl hatte, seine jahrzehntelange Arbeit werde plötzlich auf "ein paar Mal Guten Morgen sagen" reduziert. Nach dieser Phase sei die Freude am Beruf endgültig verschwunden. "Ich hatte keine Freude mehr an etwas, das ich zeit meines Lebens mehr begehrt und geliebt habe als alles andere, meinen Beruf."
Dazu kam im Sommer 2024 ein weiterer Schock. Kratky hustete plötzlich massiv Blut und war überzeugt, schwer krank zu sein. Die befürchtete Krebsdiagnose bestätigte sich zwar nicht – offenbar war ein Äderchen in der Lunge geplatzt –, doch die Stunden voller Todesangst veränderten seinen Blick auf sein Leben. Arbeit sollte nie wieder wichtiger sein als er selbst und die Menschen, die ihm nahestehen.
„Aktuell fehlt mir ein Gefühl von Sinnhaftigkeit in meinem Leben.“Robert Kratkyüber das Ende seines Traums
Anfang 2025 zog schließlich auch seine Psychiaterin die Reißleine und warnte ihn eindringlich davor, so weiterzumachen. Kratky hörte diesmal hin. "Vor zehn Jahren hätte ich darüber noch gelacht, wäre aufgestanden und zur Arbeit gefahren. 2025 habe ich jedoch gespürt, dass sie recht hat. Deshalb habe ich losgelassen."
Am 1. August 2025 moderierte er heimlich seinen letzten Ö3-Wecker. Ohne große Abschiedsshow, ohne dass seine Kollegen wussten, dass es das letzte Mal war. Kurz vor 9 Uhr lief "Goodbye Stranger" von Supertramp. Ein Lied, das Kratky schon als Teenager als letzten Song seiner Radiokarriere ausgewählt hatte. Danach verließ er den ORF.
Doch das Ende des Jobs bedeutete nicht automatisch das Ende seiner Probleme. Ein Jahr später spricht Kratky weiterhin von schweren depressiven Phasen. Die große Karriere, die über Jahrzehnte seinem Leben Richtung gegeben hatte, ist vorbei. Ein neuer Traum fehlt bisher. "Mein größtes emotionales Problem ist, dass ich einen wunderbaren großen Traum hatte, und diesen habe ich von Anfang bis zu seinem großen, fulminanten Finale geträumt. Und jetzt ist da nichts mehr." Und noch deutlicher: "Aktuell fehlt mir ein Gefühl von Sinnhaftigkeit in meinem Leben."
So schonungslos wie über seine psychische Verfassung spricht Kratky in dem Buch auch über sein Privatleben. Jahrzehntelang habe die Arbeit "wahrscheinlich sogar 80 bis 90 Prozent" seines Denkens und Handelns bestimmt. Beziehungen waren wichtig, mussten sich seinem Leben rund um den Ö3-Wecker aber unterordnen.
Ein klassisches Familienmodell mit gemeinsamem Haus, Ehe und Kindern war für ihn nie der richtige Weg. "Ich sehe mich nicht geeignet für den gemeinsamen Aufbau eines Fundaments für ein Leben zu zweit oder sogar mit Kindern."
Auch mit dem Thema Treue geht Kratky offen um. Rückblickend räumt er ein, dass seine eigene Haltung dazu Beziehungen belastete. Umgekehrt erlebte er in einer langjährigen Partnerschaft selbst, betrogen zu werden. Seine damalige Reaktion beschreibt er drastisch. "Ich habe geweint wie ein Baby und geschrien wie ein Monster."
Seine Beziehungen betrachtet er generell nüchtern. Die meisten hätten zwei bis vier Jahre gedauert. Von Anfang an habe er klargemacht, dass Heirat, Kinder und ein klassisches gemeinsames Leben mit ihm nicht zu haben seien.
Das gilt auch für seine heutige Partnerin. "Wenn sich meine jetzige Freundin entschließen sollte, sie möchte gerne heiraten und ein Kind haben, dann weiß sie genau, dass ich das nicht sein werde."
Und trotzdem hat sich seit seinem Abschied offenbar etwas verändert. Jahrzehntelang war sein Privatleben auf die wenigen freien Tage zwischen den Sendungen beschränkt. Nun erlebt Kratky erstmals, wie es ist, einer Beziehung auch im Alltag mehr Raum zu geben.
„Ich gewöhne mich mehr und mehr daran, dass mein berufliches Fortkommen und meine beruflichen Herausforderungen keine Rolle mehr spielen, sondern die von jemand anderem. Und ich komme sehr gut damit zurecht.“Robert Kratkyüber seine aktuelle Beziehung
Er erzählt, dass er seiner Freundin eine Mittagsjause für ihre Ausbildung einpackt, darauf schaut, dass ihr Auto vollgetankt ist, im Haushalt mithilft und ihr mehr Zeit und Aufmerksamkeit schenken kann.
Für jemanden, der fast sein gesamtes Erwachsenenleben auf die eigene Karriere ausgerichtet hatte, ist auch das Neuland. "Ich gewöhne mich mehr und mehr daran, dass mein berufliches Fortkommen und meine beruflichen Herausforderungen keine Rolle mehr spielen, sondern die von jemand anderem. Und ich komme sehr gut damit zurecht."